22.10.2012

Goethes Lyrik Teil 1 - die Jugendlyrik (An den Mond, Willkommen und Abschied, Prometheus, Heidenröslein)





Goethes Lyrik steht in der deutschen Literatur, sowohl wegen ihrer Qualität als auch in der Wirkung auf Zeitgenossen und Nachwelt einsam da und wird nur von wenigen deutschen Lyrikern, in eng begrenzten Teilen ihres Werkes, erreicht. So sind die besten Gedichte des großen Lyrikers H.Heine denen Goethes durchaus gleichwertig. Goethes Lyrik, und das ist ein wesentlicher Unterschied zu seinen Vorgängern erzielt eine Breitenwirkung in dem er aus dem Reichtum des deutschen Volksliedes schöpft.
Die erste Gedichtsammlung veröffentlicht er 1770 im Alter von 20 Jahren. Die Gedichte lassen noch nicht die Gedankentiefe seiner späteren Gedichte erkennen sondern richten sich nach dem seichten Geschmack des gegenwärtig Vorherrschenden. Als Beispiel die ersten Verse aus dem Gedicht "Die Freuden":



Die Freuden 

Da flattert um die Quelle
Die wechselnde Libelle,   
Der Wasserpapillon, 
Bald dunkel und bald helle, 
Wie ein Chamäleon; 
Bald rot und blau, bald blau und grün. 
O daß ich in der Nähe 
Doch seine Farben sähe! 


Die Verse haben eigentlich keinen Inhalt sondern plätschern nichtssagend dahin. Aber selbst dieses Gedicht Goethes ragt über das damalige Niveau hinaus. 

1770 war Goethe Student in Straßburg und lernte den 5 Jahre älteren Herder kennen. Unter den Einfluss von Herder fand Goethe den Weg zum Realismus und beschäftigte sich mit der Poesie des Volkes und deren Volkslieder. Eines der ersten Ergebnisse seiner neuen Denkweise ist das 1771 entstandene "Willkommen und Abschied" das in Straßburg entstand und ein als ein erster Höhepunkt in der Lyrik Goethes gelten kann.

Willkommen und Abschied 

Friederike Brion
(Spätere Fassung, ~1785)

Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Pfarrhaus in Sesenheim
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
J.G.Herder
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück

Von den verschnörkelten dahin plätschernden Versen des Gedichts "Die Freuden" ist nicht mehr viel geblieben. Das Gedicht ist klar in seiner Aussage, direkt sowie subjektiv in der Empfindung. Durch den Rhythmus des Gedichts werden Herzton und Puls des Liebenden und Drängenden nachempfunden.
Ein weiteres Gedicht der Straßburger Zeit ist das bekannte Heidenröslein wo sich Goethe streng an die Vorlage hält und es nur umgestaltet.            

 Heidenröslein



Sah ein Knab' ein Röslein steh'n,
Röslein auf der Heiden,
F-Schubert
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu seh'n,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: "Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden."
Röslein sprach: "Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,                              
Und ich will's nicht leiden."
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Noten zum Heidenröslein

Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden.
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt' es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Das "Heidenröslein" entstand im Sommer 1771 und im Mai desselben Jahres das "Mailied" das aus Anlass der Bekanntschaft und Liebe zu Friederike Brion entstand. In kurzen Versen, die von starken emotionalen Inhalt sind, schildert der Dichter Lebensfreude, Liebe und Naturempfinden.
Zeit seines Lebens war Goethe ein Anhänger des Pantheismus der Gott in den Dingen der Natur verwirklicht sah. Es ist erstaunlich wie der Dichter in diesem Gedicht mit minimalsten Aufwand sein Anliegen vermittelt.
Ein lyrischer Höhepunkt in diesem Lebensabschnitt ist das im Herbst 1774 entstandene Gedicht "Prometheus" das eine große Wirkung auf die Zeitgenossen Goethes hatte. Man kann die Wirkung nur verstehen wenn man berücksichtigt, das in der Zeit um 1770, die Religion eine immer noch beherrschende Rolle im Leben der Menschen spielte. Das Gedicht enthält faktisch atheistische Auffassungen und geht damit selbst über die religiösen Aufklärungsversuche eines Lessings hinaus.

        Prometheus     
                           
Der junge Goethe
Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöh'n!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen steh'n,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn' als euch Götter!
Straßburg

Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Honore Daumier
Prometheus
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrt' ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,                                                                                  
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Hugo Wolf
Dem Schlafenden dadroben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Noten zu "Prometheus"
von Hugo Wolf
Hier sitz' ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!


Goethe war sich der Brisanz des Stoffes durchaus bewusst. In "Dichtung und Wahrheit" schreibt er: "Es diente zum Zündkraut einer Explosion, welches die geheimsten Verhältnisse würdiger Männer aufdeckte und zur Sprache brachte : Verhältnisse, die ihnen selbst unbewusst, in einer sonst höchst aufgeklärten Gesellschaft schlummerten"

Seit Ende 1775 war Goethe am Sachsen-Weimar-Eisenachschen Hof und die Berufung ist ein entscheidender Wendepunkt in seinem Leben. In den Jahren von 1776-86 nimmt die lyrische Produktion Goethes merklich ab aber er erschließt sich neue Themen und die gedankliche Tiefe seiner Gedichte nimmt zu. Eine der ersten Maßnahmen die Goethe in Weimar veranlasste war die Gründung eines Liebhabertheaters womit er das kulturelle Niveau des Herzogtums heben wollte.
1778/79 entstand das Gedicht "An den Mond" dessen erste Fassung in einen Brief an Charlotte von Stein beigelegt war. Charlotte von Stein war in diesen Jahren eine enge Vertraute und Freundin des Dichters. Die zweite Fassung entstand Jahre später als Goethe kurz vor der Reise nach Italien stand. Sie ist schwermütig und zeigt uns einen Goethe der nach Jahren der Anstrengung das Leben der Menschen im Herzogtum zu verbessern, resigniert hat und nach Italien flüchtet. In der Ersten Fassung spürt man noch die Liebe zu Charlotte von Stein die keine Erfüllung fand.


2 Männer den Mond betrachtend
Gemälde v.C.D.Friedrich
An den Mond (Erste Fassung)

Füllest wieder 's liebe Thal
Still mit Nebelglanz
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick
Wie der Liebsten Auge, mild
Über mein Geschick.

Anna Amalia
Herzoginmutter
Das du so beweglich kennst
Dieses Herz im Brand
Haltet ihr wie ein Gespenst
An den Fluß gebannt

Wenn in öder Winternacht
Er vom Tode schwillt
Und bey Frühlingslebens Pracht
An den Knospen quillt. 

Selig wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt
Einen Mann am Busen hält
Und mit dem geniest,

Was den Menschen unbewußt
Oder wohl veracht
Anna-Amalia-Bibliothek
hist.Postkarte
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.



An den Mond

Füllest wieder Busch und Tal 
Still mit Nebelglanz, 
Lösest endlich auch einmal 
Meine Seele ganz; 
Carl-August
Breitest über mein Gefild 
Lindernd deinen Blick, 
Wie des Freundes Auge mild 
Über mein Geschick. 

Jeden Nachklang fühlt mein Herz 
Froh- und trüber Zeit, 
Wandle zwischen Freud' und Schmerz 
In der Einsamkeit. 

Fließe, fließe, lieber Fluß! 
Nimmer werd' ich froh; 
So verrauschte Scherz und Kuß 
Und die Treue so. 
Ich besaß es doch einmal, 
Rom
Gemälde von Canalleto
was so köstlich ist! 
Daß man doch zu seiner Qual 
Nimmer es vergißt! 

Rausche, Fluß, das Tal entlang, 
Ohne Rast und Ruh, 
Rausche, flüstre meinem Sang 
Melodien zu! 

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst 
Oder um die Frühlingspracht 
Junger Knospen quillst. 

Selig, wer sich vor der Welt 
Ohne Haß verschließt, 
Einen Freund am Busen hält 
Goethe in Italien
Gemälde v. J.W.H.Tischbein
Und mit dem genießt, 
Was, von Menschen nicht gewußt 
Oder nicht bedacht, 
Durch das Labyrinth der Brust 
Wandelt in der Nacht.        



Goethe wurde vom Herzog Karl-August allseitig gefördert und beide verband eine enge Freundschaft die aber nicht immer ungetrübt war. Goethe wirkte oft auf den Herzog ein und erinnerte ihn zum Nutzen seines Landes verantwortungsvoll zu regieren.
Goethe trug sich mit dem Gedanken in Ilmenau das Bergwerk wieder in Betrieb zunehmen. Da ihn die Fachkenntnis fehlte plante er eine Reise durch den Harz um sich die dortigen Bergwerke anzusehen. Im Dezember 1777 setzte er den Plan um und bereiste den Harz.
Lyrisches Ergebnis dieser Reise war die "Harzreise im Winter".
1778 schrieb Goethe eine seiner ersten Balladen. "Der Fischer" warnt vor einem übersteigerten Naturgefühl. Die Ballade drückt die Sehnsucht nach der Natur aus um sich mit ihr zu vereinen. Aber wie uns der Fischer zeigt kann das Selbstaufgabe bedeuten.

Goethes Ballade "Erlkönig" entstand 1782. Die Ballade ist wie ein Drama aufgebaut und hält sich an die Volksballade, die aus dem nordischen Kreis kommt und von Herder übersetzt wurde. Goethe wandte einige Kunstgriffe an um z.b das Traben des Pferdes wiederzugeben. Die Ballade ist in Form und Sprache einfach und schlicht.

Ilmenau
hist. Postkarte
Von 1786-88 flüchtete Goethe vor seinen zahlreichen Aufgaben in Weimar die ihm als Dichter zu erdrücken drohten. Es muss für ihn wie eine Befreiung gewesen sein die lästig gewordenen Aufgaben hinter sich zulassen, da er auch wenig Dank und Anerkennung dafür bekommen hatte. In Italien fand Goethe die Kraft einige seiner begonnenen Werke zu vollenden. Als 1788 wieder in Weimar eintraf war er ein Anderer geworden. Er gab einige seiner Ämter ab um mehr als Dichter wirksam sein zu können.
Lyrisches Ergebnis seiner Italienreise waren die "Römischen Elegien". In ihnen schildert er das Land, die Leute und die Natur Italiens. Über  Geschichte und die prächtigen Römerbauten wird berichtet und die Antike Kunst gepriesen. Die "Römischen Elegien" sind ein Gedichtszyklus der in Form und Sprache antike Vorbilder erkennen lässt. In Italien vollzog sich der Übergang Goethes zum Klassizismus.






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Quellennachweis: Erläuterungen zur deutschen Literatur/ Klassik
                         9.Auflage Volk und Wissen 1984

Bildnachweis: Zeno.ord

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