2012-12-06

Goethes Lyrik Alterslyrik Teil III (West-östliche-Divan, Marienbader Elegie)




Goethes Lyrik wird mit zunehmenden Alter immer tiefgründiger. Die Gedankentiefe seines Schaffens, der letzten 1 1/2 Jahrzehnte seines Lebens, wird kaum von einem anderen deutschen Dichter erreicht und nehmen auch in der Weltliteratur eine Sonderstellung ein.
Der West-östliche Divan, ein Gedichtzyklus, entstand in den Jahren 1814/15 und beinhaltet einen orientalischen Stoff. Goethes Beschäftigung mit arabischer Literatur begann bei einem Aufenthalt in Berka und die Poesie des Persers Hafis beeindruckte Goethe nachhaltig. Der Zyklus ist in Bücher unterteilt die jeweils einen Titel tragen. Das erste Gedicht "Moganni Nameh" enthält eine der Beweggründe Goethes warum er sich der arabischen Literatur zuwandte.

Nationaltheater
J.Lindner
Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten,
Unter Lieben, Trinken, Singen
Soll dich Chisers Quell verjüngen.

Dort, im Reinen und im Rechten,
Will ich menschlichen Geschlechten
In des Ursprungs Tiefe dringen,
Wo sie noch von Gott empfingen
Himmelslehr in Erdesprachen
Und sich nicht den Kopf zerbrachen.

Wo sie Väter hoch verehrten,
Jeden fremden Dienst verwehrten;
Will mich freun der Jugendschranke:
Eingangstür zu Goethes Wohnhaus
J.Lindner
Glaube weit, eng der Gedanke,
Wie das Wort so wichtig dort war,
Weil es ein gesprochen Wort war.

Will mich unter Hirten mischen,
An Oasen mich erfrischen,
Wenn mit Karawanen wandle,
Schal, Kaffee und Moschus handle;
Jeden Pfad will ich betreten
Von der Wüste zu den Städten.

Bösen Felsweg auf und nieder
Trösten, Hafis, deine Lieder,
Wenn der Führer mit Entzücken
Von des Maultiers hohem Rücken
Singt, die Sterne zu erwecken
Und die Räuber zu erschrecken.
Goethes "Stammlokal" der "Weiße Schwan"
 neben seinem Wohnhaus
J.Lindner

Will in Bädern und in Schenken,
Heil'ger Hafis, dein gedenken,
Wenn den Schleier Liebchen lüftet,
Schüttelnd Ambralocken düftet.
Ja, des Dichters Liebeflüstern
Mache selbst die Huris lüstern.

Wolltet ihr ihm dies beneiden
Oder etwa gar verleiden,
Wisset nur, daß Dichterworte
Um des Paradieses Pforte
Immer leise klopfend schweben,
Sich erbittend ew'ges Leben.


Die Wirren der Jahre 1814/15 veranlassen den Dichter sich von Europa abzuwenden und bringen seine Sehnsucht nach dem " Reinen und Rechten" zum Ausdruck.

In dem Gedicht "Der Winter und Timur" spielt Goethe auf den Untergang der Großen Armee in Rußland an und zieht in der abschließenden Strophe ein belehrendes Fazit.
Das Gedicht "Selige Sehnsucht" ist voller tiefer philosophischer Gedanken das dazu auffordert sich nie mit dem Erreichten zufrieden zugeben. Besonders die Schlussverse drücken die Erfahrung und Erkenntnisse des gereiften Goethe aus.

Und solang du das nicht hast,
Dieses: "Stirb und werde!"
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

In einigen Gedichten des Zykluses tritt Goethe für eine Verständigung der Völker untereinander ein. Aus dem Buch des Unmuts daraus einige Strophen.

Gänsemännchenbrunnen
J.Lindner
Und wer franzet oder britet,
Italienert oder teutschet,
Einer will nur wie der Andre,
Was die Eigenliebe heischet.

Denn es ist kein Anerkennen,
Weder Vieler, noch des Einen,
Wenn es nicht am Tage fördert,
Wo man selbst was möchte scheinen.





Das Buch "Suleika" ist ein Lied auf die Liebe die einen autobiographischen Hintergrund hat. (Ulrike von Levtzow) In der 3. Strophe Vers 3 müsste es auf Morgenröte als Reim, Goethe heißen. Das hat der Dichter jedoch verschleiert und Goethe mit Hatem ersetzt. Dazu später mehr.

Park an der Ilm
J.Lindner
Hatem

Locken, haltet mich gefangen
In dem Kreise des Gesichts!
Euch geliebten braunen Schlangen
Zu erwidern hab' ich Nichts.

Nur dies Herz, es ist von Dauer,
Schwillt in jugendlichstem Flor;
Unter Schnee und Nebelschauer
Ras't ein Ätna dir hervor.

Du beschämst wie Morgenröte
Jener Gipfel ernste Wand,
Park an der Ilm-Goethes Gartenhaus
Und noch einmal fühlet Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.

Schenke, her! Noch eine Flasche!
Diesen Becher bring' ich Ihr!
Findet sie ein Häufchen Asche,
Sagt sie: "Der verbrannte mir".







Der Westöstliche-Divan ist Lyrik eines reifen Dichters der darin die Weisheit eines langen Lebens einbringt.

Goethe hatte seinen alljählichen Kuraufenthalt ab 1820 nach Marienbad verlegt und lernte 1821 die 17 jährige Ulrike von Levetzow kennen und verliebte sich in sie. Er traf sie 1823 wieder und hatte die Absicht sie zu heiraten was aber scheiterte, da seinen nächsten Verwandten und seine Umgebung es zu verhindern wussten. Die "Marienbader Elegie" ist ein Gedicht,was Goethe im Bewusstsein der Trennung für immer auf der Rückreise von Karlsbad nach Pößneck schrieb. Es entstand zwischen dem 05.09 bis 12.09. 1823 und ist ein schmerzliches Klagelied des Dichters.
Im 1 bis 4 Vers schildert Goethe die Situation als er nach 1 Jahr Trennung die Geliebte wiedersieht und nicht genau weiß wie er empfangen wird. Er erkennt das sie ihn mit offenen Armen empfängt und schildert in der nächsten Strophe einen Tag mit ihr.


Park an der Ilm
J.Lindner


Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,
Von dieses Tages noch geschlossner Blüte?
Das Paradies, die Hölle steht dir offen;
Wie wankelsinnig regt sich's im Gemüte! —
Kein Zweifeln mehr! Sie tritt ans Himmelstor,
Zu ihren Armen hebt sie dich empor.

So warst du denn im Paradies empfangen,
Als wärst du wert des ewig schönen Lebens;
Dir blieb kein Wunsch, kein Hoffen, kein Verlangen,
Hier war das Ziel des innigsten Bestrebens,
Und in dem Anschaun dieses einzig Schönen
Brunnen am Marktplatz
J.Lindner
Versiegte gleich der Quell sehnsüchtiger Tränen.

Wie regte nicht der Tag die raschen Flügel,
Schien die Minuten vor sich her zu treiben!
Der Abendkuss, ein treu verbindlich Siegel:
So wird es auch der nächsten Sonne bleiben.
Die Stunden glichen sich in zartem Wandern
Wie Schwestern zwar, doch keine ganz den andern.






In der berühmten 14 Strophe "In unseres Busen..." stellt Goethe dar wie die Geliebte ihn von Selbstsinn und Eigennutz befreit hat. Der Dichter meldet in den folgenden Versen allerdings auch Zweifel an wenn er an die Zukunft denkt.

Rathaus
J.Lindner



In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen's: fromm sein! — Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

Vor ihrem Blick, wie vor der Sonne Walten,
Vor ihrem Atem, wie vor Frühlingslüften,
Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,
Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften;
Cranachhaus
J.Lindner
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.

Es ist, als wenn sie sagte: "Stund um Stunde
Wird uns das Leben freundlich dargeboten,
Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,
Das Morgende, zu wissen ist's verboten;
Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,
Die Sonne sank und sah noch, was mich freute.






Das Gedicht enthält bis zur 21 Strophe fast nur Erinnerungsbilder über Gewesenes und ab der 22 Strophe führt es in die Wirklichkeit zurück.





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Quellennachweis: Erläuterungen zur deutschen Literatur/ Klassik
                         9.Auflage Volk und Wissen 1984




































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