2012-12-02

Goethes Lyrik Teil II 1794-1805 (Braut von Korinth, Der Zauberlehrling, Glückliche Fahrt, Meeresstille)


Goethe äußerte gegenüber Schiller das man sich nach dieser kleinen Form der Dichtung (Xenien) nun großer und würdiger Kunstwerke zuwenden müsste. Was dann erfolgte ist in der deutschen Literaturgeschichte als das Balladenjahr eingegangen. In der Ballade, die sowohl lyrische, epische und dramatische Elemente beinhaltet sahen die Dichter die Möglichkeit sich poetisch auszudrücken. Die im Jahr 1797 entstandenen Balladen wurden 1798 und 1799 im Musenalmanach Schillers veröffentlicht. Goethe gelangen in diesem Jahr Gedichte die zu seinem schönsten lyrischen Schöpfungen zählen. "Die Braut von Korinth" zählt zu den tiefgründigsten Balladen aus dieser Zeit.


Eine Frau wird in einem Kloster festgehalten und muss Nonne werden. Sie stirbt dort einsam und verlassen. Auf die Liebe hat sie verzichten müssen und wurde um ihr Leben betrogen. Nach ihren Tod lebt sie als Vampir fort. Ihre Nichterlösung bedeutet ein Aufbegehren gegen altes Denken und gegen Verhältnisse, die ein menschenwürdiges Leben mit Liebe und natürlichen Trieben nicht möglich macht. Es ist ein Protest gegen christliche Denk-und Handlungsweisen, die durch Dogmen ein freies und selbstbestimmtes Leben verbietet.
Goethes Gespenst ist keines der herkömmlichen Schauerwesen sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut.
Die Kritik Goethes richtet sich gegen die Grundlagen der christlichen Lehre und fordert die Entfaltung und die Verwirklichung der natürlichen menschlichen Bedürfnisse.
Goethe lässt den Liebhaber der Braut von Korinth, und auch den Leser, lange Zeit über die Natur der Braut im Ungewissen und erst allmählich begreift er ihr wahres Wesen. Ihr Verlangen nach einem vollwertigen Menschenleben steigert sich von Strophe zu Strophe und treibt sie aus ihren Grab. Im letzten Teil der Ballade klagt sie ihre Mutter und die Allgemeinheit an.

.............aus der schwerbedeckten Enge

bis

Und zu saugen seines Herzens Blut

Die Form der Ballade ist meisterlich und atemberaubend komponiert. Goethe ist es dadurch gelungen eine ergreifende Darstellung des Sieges der menschlichen Natur über Dummheit, Ignoranz und Glaubenseifer zu gestalten.


Johann Wolfgang Goethe
Die Braut von Korinth

Nach Korinthus von Athen gezogen
Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt.
Einen Bürger hofft' er sich gewogen;
Beide Väter waren gastverwandt,
Hatten frühe schon
Töchterchen und Sohn
Braut und Bräutigam voraus genannt.

Aber wird er auch willkommen scheinen,
Wenn er teuer nicht die Gunst erkauft?
Er ist noch ein Heide mit den Seinen,
Und sie sind schon Christen und getauft.
Keimt ein Glaube neu,
Wird oft Lieb' und Treu
Wie ein böses Unkraut ausgerauft.

Friedrich Schiller
Und schon lag das ganze Haus im stillen,
Vater, Töchter, nur die Mutter wacht;
Sie empfängt den Gast mit bestem Willen,
Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht.
Wein und Essen prangt,
Eh er es verlangt;
So versorgend wünscht sie gute Nacht.

Aber bei dem wohlbestellten Essen
Wird die Lust der Speise nicht erregt;
Müdigkeit läßt Speis' und Trank vergessen,
Daß er angekleidet sich aufs Bette legt;
Und er schlummert fast,
Als ein seltner Gast
Sich zur offnen Tür herein bewegt.

Denn er sieht, bei seiner Lampe Schimmer
Tritt, mit weißem Schleier und Gewand,
Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer,
Schillers Wohhnhaus
Um die Stirn ein schwarz- und goldnes Band.
Wie sie ihn erblickt,
Hebt sie, die erschrickt,
Mit Erstaunen eine weiße Hand.

Bin ich, rief sie aus, so fremd im Hause,
Daß ich von dem Gaste nichts vernahm?
Ach, so hält man mich in meiner Klause!
Und nun überfällt mich hier die Scham.
Ruhe nur so fort
Auf dem Lager dort,
Und ich gehe schnell, so wie ich kam.

Bleibe, schönes Mädchen! ruft der Knabe,
Rafft von seinem Lager sich geschwind:
Hier ist Ceres', hier ist Bacchus' Gabe,
Und du bringst den Amor, liebes Kind!
Goethes Wohnhaus
Bist vor Schrecken blaß!
Liebe, komm und laß,
Laß uns sehn, wie froh die Götter sind!

Ferne bleib, o Jüngling! bleibe stehen,
Ich gehöre nicht den Freuden an.
Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen
Durch der guten Mutter kranken Wahn,
Die genesend schwur:
Jugend und Natur
Sei dem Himmel künftig untertan.

Und der alten Götter bunt Gewimmel
Hat sogleich das stille Haus geleert.
Unsichtbar wird Einer nur im Himmel
Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt;
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört.

Und er fragt und wäget alle Worte,
Deren keines seinem Geist entgeht.
Ist es möglich, daß am stillen Orte
Die geliebte Braut hier vor mir steht?
Sei die Meine nur!
Unsrer Väter Schwur
Hat vom Himmel Segen uns erfleht.

Mich erhälst du nicht, du gute Seele!
Meiner zweiten Schwester gönnt man dich.
Wenn ich mich in stiller Klause quäle,
Ach! in ihren Armen denk an mich,
Die an dich nur denkt,
Die sich liebend kränkt;
Goethe, Schiller, Humboldts
In die Erde bald verbirgt sie sich.

Nein! bei dieser Flamme sei's geschworen,
Gütig zeigt sie Hymen uns voraus,
Bist der Freude nicht und mir verloren,
Kommst mit mir in meines Vaters Haus.
Liebchen, bleibe hier!
Feire gleich mit mir
Unerwartet unsern Hochzeitschmaus!

Und schon wechseln sie der Treue Zeichen:
Golden reicht sie ihm die Kette dar,
Und er will ihr eine Schale reichen,
Silbern, künstlich, wie nicht eine war.
Die ist nicht für mich;
Doch, ich bitte dich,
Goethe-Schiller-Archiv
Eine Locke gib von deinem Haar.

Eben schlug dumpf die Geisterstunde,
Und nun schien es ihr erst wohl zu sein.
Gierig schlürfte sie mit blassem Munde
Nun den dunkel blutgefärbten Wein;
Doch vom Weizenbrot,
Das er freundlich bot,
Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein.

Und dem Jüngling reichte sie die Schale,
Der, wie sie, nun hastig lüstern trank.
Liebe fordert er beim stillen Mahle;
Ach, sein armes Herz war liebekrank.
Doch sie widersteht,
Wie er immer fleht,
Bis er weinend auf das Bette sank.
Stadtkirche
Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder:
Ach, wie ungern seh' ich dich gequält;
Aber, ach! berührst du meine Glieder,
Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt.
Wie der Schnee so weiß,
Aber kalt wie Eis
Ist das Liebchen, das du dir erwählt.

Heftig faßt er sie mit starken Armen,
Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:
Hoffe doch bei mir noch zu erwarmen,
Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt!
Wechselhauch und Kuß!
Liebesüberfluß!
Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?

Liebe schließet fester sie zusammen,
Tränen mischen sich in ihre Lust;
Gierig saugt sie seines Mundes Flammen,
Eins ist nur im andern sich bewußt.
Seine Liebeswut
Wärmt iht starres Blut;
Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust.

Unterdessen schleichet auf dem Gange
Häuslich spät die Mutter noch vorbei,
Horchet an der Tür und horchet lange,
Welch ein sonderbarer Ton es sei:
Klag- und Wonnelaut
Bräutigams und Braut
Und des Liebestammelns Raserei.

Goethe-Schillerdenkmal vor dem Nationaltheater
J.Lindner
Unbeweglich bleibt sie an der Türe,
Weil sie erst sich überzeugen muß,
Und sie hört die höchsten Liebesschwüre,
Lieb' und Schmeichelworte mit Verdruß-
Still! der Hahn erwacht!-
Aber morgen Nacht
Bist du wieder da? - und Kuß auf Kuß.

Länger hält die Mutter nicht das Zürnen,
Öffnet das bekannte Schloß geschwind:
Gibt es hier im Hause solche Dirnen,
Die dem Fremden gleich zu Willen sind?-
So zur Tür hinein.
Bei der Lampe Schein
Sieht sie - Gott! sie sieht ihr eigen Kind.

Und der Jüngling will im ersten Schrecken
Mit des Mädchens eignem Schleierflor,
Mit dem Teppich die Geliebte decken;
Herderkirche
J.Lindner
Doch sie windet gleich sich selbst hervor.
Wie mit Geists Gewalt
Hebet die Gestalt
Lang und langsam sich im Bett empor.

Mutter! Mutter! spricht sie hohle Worte,
So mißgönnt ihr mir die schöne Nacht!
Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte,
Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht?
Ist's Euch nicht genug,
Daß ins Leichentuch,
Daß Ihr früh mich in das Grab gebracht?

Aber aus der schwerbedeckten Enge
Treibet mich ein eigenes Gericht.
Eurer Priester summende Gesänge
Und ihr Segen haben kein Gewicht;
Salz und Wasser kühlt
Herderdenkmal vor der Herderkirche
J.Lindner
Nicht, wo Jugend fühlt;
Ach! die Erde kühlt die Liebe nicht.

Dieser Jüngling war mir erst versprochen,
Als noch Venus' heitrer Tempel stand.
Mutter, habt Ihr doch das Wort gebrochen,
Weil ein fremd, ein falsch Gelübd' Euch band!
Doch kein Gott erhört,
Wenn die Mutter schwört,
Zu versagen ihrer Tochter Hand.

Aus dem Grabe werd' ich ausgetrieben,
Noch zu suchen das vermißte Gut,
Noch den schon verlornen Mann zu lieben
Und zu saugen seines Herzens Blut.
Ist's um den geschehn,
Muß nach andern gehn,
Und das junge Volk erliegt der Wut.
Goethes Wohnhaus
J.Lindner

Schöner Jüngling! kannst nicht länger leben;
Du versiechest nun an diesem Ort.
Meine Kette hab' ich dir gegeben;
Deine Locke nehm' ich mit mir fort.
Sieh sie an genau!
Morgen bist du grau,
Und nur braun erscheinst du wieder dort.

Höre, Mutter, nun die letzte Bitte:
Einen Scheiterhaufen schichte du;
Öffne meine bange kleine Hütte,
Bring in Flammen Liebende zu Ruh;
Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.


In einem Brief vom 23.7.1797 an Schiller wird die Ballade der Zauberlehrling erstmalig erwähnt die dann 1798 im Musenalmanach gedruckt erscheint. In der deutschen Literatur gibt es zahlreiche Sagen und Märchen die den Grundgedanken der Ballade enthalten. Vergessene Zauberworte, und vermeintlich vorhandene Meisterschaft sind ein oft behandeltes Thema woraus Goethe  ein Meisterwerk macht.
Ist der Zauberlehrling im ersten Teil der Ballade noch voll Übermut, so ist Verzweiflung und immer größer werdende Angst im 2 Teil vorherrschend. Die Angst steigert sich bis der Meister angerufen wird der dann mit ruhiger Überlegenheit und wahrer Meisterschaft die entfesselten Elemente wieder in die Schranken weißt.
Die Ballade ist eines der ganz wenigen Gedichte Goethes die einen humoristischen Kern haben.

Der Zauberlehrling
Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm
J.Lindner


Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort' und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu' ich Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe,
Und mit reichem, vollem Schwalle
Im Park an der Ilm
J.Lindner
Zu dem Bade sich ergieße.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf!
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!

Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Im Park an der Ilm
J.Lindner
Zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Anna-Amalia-Bibliothek und Musikhochschule
J.Lindner
Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
Kann ich's lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
Karl-August-Denkmal
J.Lindner

O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!

Willst's am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten.

Wittumspalais
J.Lindner
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
Wird's im Saal und auf den Stufen.
Marktplatz in Weimar
J.Lindner
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.

"In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid's gewesen.
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke
Erst hervor der alte Meister."

Während der Jahre mit Schiller entstanden eine Reihe von Gedichten die zu den bekanntesten Goethes gehören und fester Bestandteil der Lektüre von Goethefreunden sind. Die 2 Gedichte "Meeres Stille" und "Glückliche Fahrt" gehören dazu. Beide Gedichte erschienen erstmalig 1796 in Schillers "Musenalmanach".
Die 2 Gedichte enthalten eine gegensätzliche Grundstimmung. Während in dem Gedicht "Meeres Stille" Ruhe und erzwungene Untätigkeit geschildert werden ist in "Glückliche Fahrt" die Krise überwunden und Tätigkeit regt sich.

Meeresstille


Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
Marstall in Weimar
J.Lindner
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Glückliche Fahrt


Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle,
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh' ich das Land!

Um gegen die vorherrschende literarische Mittelmäßigkeit und Geschmacklosigkeit vorzugehen beschlossen Schiller und Goethe literarisch tätig zu werden. Das Ergebnis waren die "Xenien". Die beiden Dichter gehen in ihnen gegen Besserwisser, Pfuscher, Nachahmer und Pedanten vor. Die von der Kritik Getroffenen kläfften und die beiden Freunde sahen sich vielfachen Angriffen ausgesetzt. Jedoch hatten sie den Vorteil, das sie als Dichter eigene Werke vorzuweisen konnten die sie moralisch in das Recht versetzte beißende Kritik auszuüben.






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Quelle:  Erläuterungen zur deutschen Literatur/ Klassik
                         9.Auflage Volk und Wissen 1984


Bildquelle: zeno.org




































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