2013-03-23

Ferdinand Freiligrath Gedichte Teil 2






Von unten auf (aus: "Ca ira")

Ein Dämpfer kam von Bieberich: – stolz war die Furche, die er zog!
Er qualmt' und räderte zu Tal, daß rechts und links die Brandung flog!
Von Wimpeln und von Flaggen voll, schoß er hinab keck und erfreut,
Den König, der in Preußen herrscht, nach seiner Rheinburg trug er heut!

Die Sonne schien wie lauter Gold! Auftauchte schimmernd Stadt um Stadt!
Der Rhein war wie ein Spiegel schier, und das Verdeck war blank und glatt!
Die Dielen blitzten frisch gebohnt, und auf den schmalen her und hin,
Vergnügten auges wandelten der König und die Königin!

Nach allen Seiten schaut' umher und winkte das erhabne Paar,
Des Rheingaus Reben grüßten sie und auch dein Nusslaub, Sankt Goar!
Sie sahn zu Rhein, sie sahn zu Berg: – wie war das Schifflein doch so nett!
Es ging sich auf den Dielen fast als wie auf Sanssoucis Parkett!

Doch unter all der Nettigkeit und unter all der schwimenden Pracht,
Da frißt und flammt das Element, das sie von dannen schießen macht;
Da schafft in Ruß und Feuersglut, der dieses Glanzes Seele ist;
Da steht und schürt und ordnet er – der Proletariermaschinist!

 Da draußen lacht und grünt die Welt, da draußen blitzt und rauscht der Rhein –
Er stiert den lieben langen Tag in seine Flammen nur hinein!
Im wollnen Hemde, halbernackt, vor seiner Esse muß er stehn!
Derweil ein König über ihm einschlürft der Berge freies Wehn!

Jetzt ist der Ofen zugekeilt, und alles passt;
So gönnt er auf Minuten denn sich eine kurze Sklavenrast.
Mit halbem Leibe taucht er auf aus seinem lodernden Versteck;
In seiner Falltür steht er da, und überschaut sich das Verdeck.

Das glühnde Eisen in der Hand, Antlitz und Arme rot erhitzt,
Mit der gewölbten, haar'gen Brust auf das Geländer breitgestützt,–
So läßt er schweifen seinen Blick, so murrt er leis dem Fürsten zu:
»Wie mahnt dies Boot mich an den Staat! Licht auf den Höhen wandelst du!

Tief unten aber, in der Nacht und in der Arbeit dunkelm Schoß,
Tief unten, von der Not gespornt, da schür' und schmied' ich mir mein Los!
Nicht meines nur, auch deines, Herr! Wer hält die Räder dir im Takt,
Wenn nicht mit schwielenharter Faust der Heizer seine Eisen packt?

Du bist viel weniger ein Zeus, als ich, o König, ein Titan!
Beherrsch' ich nicht, auf dem du gehst, den allzeit kochenden Vulkan?
Es liegt an mir: – ein Ruck von mir, ein Schlag von mir zu dieser Frist,
Und siehe, das Gebäude stürzt, von welchem du die Spitze bist!

Der Boden birst, aufschlägt die Glut und sprengt dich krachend in die Luft!
Wir aber steigen feuerfest aufwärts ans Licht aus unser Gruft!
Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat,
Die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat!

Dann schreit' ich jauchzend durch die Welt! Auf meinen Schultern, stark und breit,
Ein neuer Sankt Christophorus, trag' ich den Christ der neuen Zeit!
Ich bin der Riese, der nicht wankt! Ich bin's, durch den zum Siegesfest
Über den tosenden Strom der Zeit der Heiland Geist sich tragen läßt!«
 So hat in seinen krausen Bart der grollende Zyklop gemurrt;
Dann geht er wieder an sein Werk, nimmt sein Geschirr und stocht und purrt.
Die Hebel knirschen auf und ab, die Flamme strahlt ihm ins Gesicht,
Der Dampf rumort; – er aber sagt: »Heut, zornig Element, noch nicht!«

Der bunte Dämpfer unter des legt vor Kapellen zischend an;
Sechsspännig fährt die Majestät den jungen Stolzenfels hinan.
Der Heizer blickt auch auf zur Burg; von seinen Flammen nur behorcht,
Lacht er: »Ei, wie man immer doch für künftige Ruinen sorgt!«

Die Toten an die Lebenden

Die Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit gespalten,
So habt ihr uns auf blut’gem Brett hoch in die Luft gehalten!
Hoch in die Luft mit wildem Schrei, daß unse Schmerzgebärde
Dem, der zu töten uns befahl, ein Fluch auf ewig werde!
Daß er sie sehe Tag und Nacht, im Wachen und im Traume
Im öffnen seines Bibelbuchs wie im Champagnerschaume!
Dass wie ein Brandmal sie sich tief in seine Seele brenne:
Dass nirgendwo und nimmermehr er vor ihr fliehen könne!
Daß jeder qualverzogne Mund, daß jede rote Wunde
Ihn schrecke noch, ihn ängste noch in seiner letzten Stunde!
Daß jedes Schluchzen um uns her dem Sterbenden noch schalle,
Daß jede tote Faust sich noch nach seinem Haupte balle -
Mög’ er das Haupt nun auf ein Bett, wie andre Leute pflegen,
Mög’ er es auf ein Blutgerüst zum letzten Atmen legen!

So war’s! Die Kugel in der Brust, die Stirne breit gespalten,
So habt ihr uns auf schwankem Brett auf zum Altan gehalten!
»Herunter!« - und er kam gewankt - gewankt an unser Bette,
»Hut ab!« - er zog - er neigte sich! so sank zur Marionette,
Der erst ein Komödiante war! - bleich stand er und beklommen!
Das Heer indes verließ die Stadt, die sterbend wir genommen!
Dann »Jesus meine Zuversicht!« wie ihr’s im Buch könnt lesen:
Ein »Eisen meine Zuversicht!« wär’ paßlicher gewesen!

Das war den Morgen auf die Nacht, in der man uns erschlagen,
So habt ihr triumphierend uns in unsre Gruft getragen!
Und wir,  wohl war der Schädel uns zerschossen und zerhauen,
Doch lag des Sieges froher Stolz auf unsern grimmen Brauen.
Wir dachten: Hoch zwar ist der Preis, doch echt auch ist die Ware!
Und legten uns in Frieden drum zurecht auf unsrer Bahre.

Weh euch, wir haben uns getäuscht! Vier Monden erst vergangen,
Und alles feig durch euch verscherzt, was trotzig wir errangen!
Was unser Tod euch zugewandt, verlottert und verloren -
Oh, alles, alles hörten wir mit leisen Geisterohren!
Wie Wellen braust’ an uns heran, was sich begab im Lande,
Der Aberwitz des Dänenkriegs, die letzte Polenschande;
Das rüde Toben der Vendee in stockigen Provinzen;
Der Soldateska Wiederkehr, die Wiederkehr des Prinzen;
Die Schmach zu Mainz, die Schmach zu Trier; das Hänseln, das Entwaffnen
All überall der Bürgerwehr, der eben erst geschaffen;
Die Tücke, die den Zeughaussturm zu einem Diebszug machte,
Die selber uns, die selbst das Grab noch zu begeifern dachte;
Soweit es Barrikaden gab, der Druck auf Schrift und Rede;
Mit der Versammlung freiem Recht die täglich freche Fehde;
Der Kerkertore dumpf Geknarr im Norden und im Süden;
Für jeden, der zum Volke steht, das alte Kettenschmieden;
Der Bund mit dem Kosakentum; das Brechen jedes Stabes,
Ach, über euch, die wert ihr seid des lorbeerreichsten Grabes:
Ihr von des Zukunftdranges Sturm am weitesten Getragnen!
Ihr - Juni-Kämpfer von Paris! Ihr siegenden Geschlagnen!
Dann der Verrat, hier und am Main im Taglohn unterhalten -
O Volk, und immer Friede nur in deines Schurzfells Falten?
Sag an, birgt es nicht auch den Krieg? den Krieg herausgeschüttelt!
Den zweiten Krieg, den letzten Krieg mit allem, was dich büttelt!
Laß deinen Ruf: »Die Republik!« die Glocken überdröhnen,
Die diesem allerneuesten Johannesschwindel tönen!

Umsonst, es täte not, daß ihr uns aus der Erde grübet,
Und wiederum auf blut’gem Brett hoch in die Luft erhübet!
Nicht, jenem abgetanen Mann, wie damals, uns zu zeigen -
Nein, zu den Zelten, auf den Markt, ins Land mit uns zu steigen!
Hinaus ins Land, soweit es reicht! Und dann die Insurgenten
Auf ihren Bahren hingestellt in beiden Parlamenten!
O ernste Schau! Da lägen wir, im Haupthaar Erd’ und Gräser,
Das Antlitz fleckig, halbverwest - die rechten Reichsverweser!
Da lägen wir und sagten aus: Eh wir verfaulen konnten,
Ist eure Freiheit schon verfault, ihr trefflichen Archonten!
Schon fiel das Korn, das keimend stand, als wir im Märze starben,
Der Freiheit Märzsaat ward gemäht noch vor den anderen Garben!
Ein Mohn im Felde hier und dort entging der Sense Hieben -
Oh, wär’ der Grimm, der rote Grimm, im Lande so geblieben!

Und doch, er blieb! Es ist ein Trost im Schelten uns gekommen:
Zuviel schon hattet ihr erreicht, zuviel ward euch genommen!
Zuviel des Hohns, zuviel der Schmach wird täglich euch geboten:
Euch muß der Grimm geblieben sein - oh, glaubt es uns, den Toten!
Er blieb euch! ja, und er erwacht! er wird und muß erwachen!
Die halbe Revolution zur ganzen wird er machen!
Er wartet nur des Augenblicks: dann springt er auf allmächtig,
Gehobnen Armes, wehenden Haars da steht er wild und prächtig!
Die rost’ge Büchse legt er an, mit Fensterblei geladen:
Die rote Fahne läßt er wehn hoch auf den Barrikaden!
Sie fliegt voran der Bürgerwehr, sie fliegt voran dem Heere -
Die Trone gehn in Flammen auf, die Fürsten fliehn zum Meere!
Die Adler fliehn; die Löwen fliehn; - die Klauen und die Zähne! -
Und seine Zukunft bildet selbst das Volk, das Souveräne!

Indessen, bis die Stunde schlägt, hat dieses unser Grollen
Euch, die ihr vieles schon versäumt, das Herz ergreifen wollen!
Oh, steht gerüstet! Seid bereit! Oh, schaffet, daß die Erde,
Darin wir liegen strack und starr, ganz eine freie werde!
Daß fürder der Gedanke nicht uns stören kann im Schlafen:
Sie waren frei: doch wieder jetzt - und ewig! - sind sie Sklaven!

Abschiedswort der Neuen Rheinischen Zeitung (1849)

(aus: "Neuere politische und soziale Gedichte)

Kein offner Hieb in offner Schlacht
Es fällen die Nücken und Tücken,
Es fällt mich die schleichende Niedertracht
Der schmutzigen West-Kalmücken!
Aus dem Dunkel flog der tötende Schaft,
Aus dem Hinterhalt fielen die Streiche –
Und so lieg ich nun da in meiner Kraft,
Eine stolze Rebellenleiche!

Auf der Lippe den Trotz und den zuckenden Hohn,
In der Hand den blitzenden Degen,
Noch im Sterben rufend: »Die Rebellion!« –
So bin ich mit Ehren erlegen.
Oh, gern wohl bestreuten mein Grab mit Salz
Der Preuße zusamt dem Zare,
Doch es schicken die Ungarn, es schickt die Pfalz
Drei Salven mir über die Bahre!

Und der arme Mann im zerrissnen Gewand,
Er wirft auf mein Haupt die Schollen!
Er wirft sie hinab mit der fleißigen Hand,
Mit der harten, der schwielenvollen.
Einen Kranz auch bringt er aus Blumen und Mai'n,
Zu ruhn auf meinen Wunden;
Den haben sein Weib und sein Töchterlein
Nach der Arbeit für mich gewunden.

Nun ade, nun ade, du kämpfende Welt,
Nun ade, ihr ringenden Heere!
Nun ade, du pulvergeschwärztes Feld,
Nun ade, ihr Schwerter und Speere!
Nun ade – doch nicht für immer ade!
Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!
Bald richt ich mich rasselnd in die Höh',
Bald kehr ich reisiger wieder!

Wenn die letzte Krone wie Glas zerbricht,
In des Kampfes Wettern und Flammen,
Wenn das Volk sein letztes »Schuldig!« spricht,
Dann stehn wir wieder zusammen!
Mit dem Wort, mit dem Schwert, an der Donau, am Rhein –
Eine allzeit treue Gesellin
Wird dem Throne zerschmetternden Volke sein
Die Geächtete, die Rebellin!











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