2013-03-25

Gedichte für das Kabarett Teil 7 Kurt Tucholsky






Kurt Tucholsky 09.01.1890 Berlin- 21.12.1935 Göteborg

Das Lied vom Piepmatz


(Für Schall und Rauch 1920)


In ihrem Zimmer stand ein Bauer klein,
darin hüpft auf und ab ein Vögelein.
Die Federn sind schneeweiß, der Schnabel rot,
die Jungfrau ihm ein Stückchen Zucker bot.
Weil sie nun öfter mit was Süßem kam,
so wurd ihr Vogel langsam lieb und zahm –
er hüpft im Zimmer, zierlich und gewandt 
auf ihre Hand.
Läßt er was fallen nonchalant und weiß,
so droht sie mit dem Finger und spricht leis:
Piepmatz, du kleines Tier! 
Du kannst ja nichts dafür!
Putz deine Feder, 
mal muß ja jeder;
fällt auch von dir weg 
ein dünner Kleck,,
Piepmatz, du kleines Tier, 
du kannst ja nichts dafür!
Ich seh dirs an: 
dir fehlt ein Mann!
Ach Piepmatz, du kleines Tier!

Die Jungfrau hatte nicht nur ihren Matz,
die Jungfrau hatt auch leider einen Schatz.-
Der Schatz war richtig ein Kommerzienrat,
der furchtbar viele dicke Gelder hat.
In jener sagenhaften großen Zeit
gab man ihm auf sein schlichtes Bürgerkleid
für die »Verdienste« um das Vaterland
 ein Ordensband!
Weil man dergleichen heute nicht mehr kriegt,
sieht er sein Knopfloch öfter an und spricht:
Piepmatz, du kleines Tier!
 Du kannst ja nichts dafür!
Jetzt kommt kein neuer,
 du warst mir teuer,
warst doch der Klack 
auf meinem Frack.
Piepmatz, du kleines Tier, 
du kannst ja nichts dafür!
Reiche vergehn! 
Orden bestehn!
Ach Piepmatz, du kleines Tier!

Die Jungfrau hatte leider noch 'nen Schatz,
auch dieser hatt in ihrem Herzen Platz.
Und wie das manchesmal im Leben geht:
als sie es sah, da war es schon zu spät.
Wie sie nun morgens in ihr Bauer sah,
auf ihren Vogel mal genauer sah,
sitzt er in seinem Käfig mit Geschrei 
auf einem Ei!
Und weil er drauf gemütlich sitzen blieb,
spricht seine Herrin, die so vogellieb:
Piepmatz, du kleines Tier! 
Du kannst ja nichts dafür!
Putz dir die Feder,
 mal muß ja jeder,
fällt auch von dir weg
 ein kleiner Kleck, 
Piepmatz, du kleines Tier,
 wir könn'n ja nichts dafür!
Ahnen wir zwei, 
woher das Ei?
Ach, Piepmatz, du kleines Tier!


Wenn die Igel in der Abendstunde


Für achtstimmigen Männerchor

Wenn die Igel in der Abendstunde
still nach ihren Mäusen gehn,
hing auch ich verzückt an deinem Munde,
und es war um mich geschehn –
Anna-Luise –!

Dein Papa ist kühn und Geometer,
er hat zwei Kanarienvögelein;
auf den Sonnabend aber geht er
gern zum Pilsner in 'n Gesangverein –
Anna-Luise –!

Sagt' ich: »Wirst die meine du in Bälde?«,
blicktest du voll süßer Träumerei
auf das grüne Vandervelde,
und du dachtest dir dein Teil dabei,
Anna-Luise –!

Und du gabst dich mir im Unterholze
einmal hin und einmal her,
und du fragtest mich mit deutschem Stolze,
ob ich auch im Krieg gewesen wär ...
Anna-Luise –!

Ach, ich habe dich ja so belogen!
Hab gesagt, mir wär ein Kreuz von Eisen wert,
als Gefreiter wär ich ausgezogen,
und als Hauptmann wär ich heimgekehrt –
Anna-Luise –!

Als wir standen bei der Eberesche,
wo der Kronprinz einst gepflanzet hat,
raschelte ganz leise deine Wäsche,
und du strichst dir deine Röcke glatt,
Anna-Luise –!

Möchtest nie wo andershin du strichen!
Siehst du dort die ersten Sterne gehn?
Habe Dank für alle unvergesserlichen
Stunden und auf Wiedersehn!
Anna-Luise –!

Denn der schönste Platz, der hier auf Erden mein,
das ist Heidelberg in Wien am Rhein, 
Seemannslos.
Keine, die wie du die Flöte bliese ... !
Lebe wohl! Leb wohl.
Anna-Luise –!

Der Graben (1926)

Mutter, wozu hast du deinen  aufgezogen?
Hast dich zwanzig Jahr mit ihm gequält?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Mutter, für den Graben.

Junge, kannst du noch an Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm.
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Junge, für den Graben.

Drüben die französischen Genossen
lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.
Alle haben sie ihr Blut vergossen,
und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.
Alte Leute, Männer, mancher Knabe
in dem einen großen Massengrabe.

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!
In die Gräben schickten euch die Junker,
Staatswahn und der Fabrikantenneid.
Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,
für das Grab, Kameraden, für den Graben!

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen 
spielen auf zu euerm Todestanz.
Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen -
das ist dann der Dank des Vaterlands.
Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.
Wollt ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben -! 

Augen in der Großstadt (1931)

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.



Du gehst dein Leben lang 

auf tausend Straßen; 
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt, 
die Seele klingt; 
du hast's gefunden, 
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.

Er sieht hinüber
und zieht vorüber ...

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?

Von der großen Menschheit ein Stück!

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