23.04.2013

Politische deutsche Gedichte Teil 8 Hoffmann von Fallersleben Teil 4 (Unpolitische Lieder)





August Heinrich Hoffmann von Fallersleben-Unpolitische Lieder (Auswahl)



Aus dem 1. Band/ Siebente Sitzung- 2. Band/ Sonntag



Siebente Sitzung




Englische Geduld in der englischen Krankheit

Sehnsucht hatte mich getrieben
Nach dem Lande meiner Lieben.
Aber, armes Heimatland,
Habe dich fast nicht wiedererkannt!

Lange schon liegst du danieder,
Und wie zuckt's dir durch die Glieder!
Groß ist Gottes Gnad' und Huld,
Aber noch größer deine Geduld.

Nie wirst du den Schmerz verwinden
Und auch nie den Arzt wohl finden:
Deine Qual, wer heilt sie, wer?
Englische Krankheit – heilet man schwer.

2 Teil Sonntag


Zu fernerem Bedenken

»Zu fernerem Bedenken!«
Du altes Reichstagswort!
Der Reichstag ist vergangen,
Der Bund hat angefangen,
Du aber lebst noch fort.

Im ferneren Bedenken
Schlief ein das deutsche Reich:
Und weil so süß sein Schlummer,
Ganz ohne Sorg' und Kummer,
So tut's der Bund ihm gleich.

Von fernerem Bedenken
Erwach', o deutscher Bund!
Gieb etwas von Erhebniß,
Ein freudiges Ergebniß
Den armen Deutschen kund!

Entwickelung auf historischem Wege

O lasset doch den Geist der Zeiten!
Ihn hemmt kein Wehr, kein Damm, kein Band;
Er wird tagtäglich vorwärts schreiten
Frei wie der Fluß durch's ganze Land.

Er strömet nicht aus Einer Quelle,
Aus Einer Lebensader nur;
Ihn nährt und speist an jeder Stelle
Die ganze lebende Natur.

Ihr seht nur Eine Quelle springen,
Und diese stopft ihr zu im Nu
Und denkt, es wird uns jetzt gelingen,
Wir stopften ja die Quelle zu.

Ihr hohen Herrn und Herrendiener!
So wollt ihr schützen Kirch' und Staat?
Ihr macht's ja grade wie der Wiener,
Der auf die Donauquelle trat.
 Er sprach mit stillem Wohlbehagen:
Die Quelle hab' ich nun bekleibt!
Was werden wohl die Wiener sagen,
Wenn jetzt die Donau außen bleibt? –

Drum lasset doch den Geist der Zeiten!
Ihn hemmt kein Wehr, kein Damm, kein Band;
Er wird tagtäglich vorwärts schreiten
Frei wie der Fluß durch's ganze Land.

Titelkram und Ordenbettel

Ein kurzer Titel und ein dünnes Band
Genüget für ein lang und schwer Verdienst:
Wie lernte sonst dein gutes Vaterland,
Daß du was bist was du ihm niemals schienst?

Du gehst, und jeder sieht dein Bändchen an,
Und ist von deiner Ehre hoch entzückt:
Geziemend grüßt dich jetzo jedermann,
Und ist von deinem Titel mitbeglückt.

Fürwahr, es ist nur purer blasser Neid,
Wenn man dir weder Band noch Titel gönnt.
Drum sag' ich auch zu allen jederzeit:
Seid still! er tat gewiß was ihr nicht könnt.

Wie ist doch die Zeitung interessant!

Wie ist doch die Zeitung interessant
Für unser liebes Vaterland!
Was haben wir heute nicht Alles vernommen!
Die Fürstin ist gestern niedergekommen,
Und morgen wird der Herzog kommen,
Hier ist der König heimgekommen,
Dort ist der Kaiser durchgekommen,
Bald werden sie alle zusammenkommen –
Wie interessant! wie interessant!
Gott segne das liebe Vaterland!

Wie ist doch die Zeitung interessant
Für unser liebes Vaterland!
Was ist uns nicht Alles berichtet worden!
Ein Portepéefähnrich ist Leutnant geworden,
Ein Oberhofprediger erhielt einen Orden,
Die Lakaien erhielten silberne Borden,
Die höchsten Herrschaften gehen nach Norden
Und zeitig ist es Frühling geworden –
Wie interessant, wie interessant!
Gott segne das liebe Vaterland!

Café national

Welch ein Flüstern, welch ein Summen!
Welch ein stiller Lesefleiß!
Nur Marqueure schrei'n und brummen:
Tasse schwarz! und Tasse weiß!

Und die Zeitungsblätter rauschen,
Und man liest und liest sich satt,
Um Ideen einzutauschen,
Weil man selbst gar wenig hat.

Und sie plaudern, blättern, suchen,
Endlich kommt ein Resultat:
Noch ein Stückchen Aepfelkuchen!
Zwar der Cours steht desolat.

Und sie sitzen, grübeln, denken,
Und sie werden heiß und stumm,
Und mit kühlenden Getränken
Stärken sie sich wiederum.

So vertreibt man sich die Zeiten
Nach des Tages Hitz' und Last,
Bis erfüllt mit Neuigkeiten.
Geht nach Haus der letze Gast.
 Doch am Morgen sieht sich wieder
Hier der alte Lesekreis,
Und man läßt sich häuslich nieder:
Tasse schwarz! und Tasse weiß!

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