2013-07-29

Der Tod in Gedichten von G.Heym und W. Arent (9)






Georg Heym

Die Tote im Wasser

Die Masten ragen an dem grauen Wall
Wie ein verbrannter Wald ins frühe Rot,
So schwarz wie Schlacke. Wo das Wasser tot
Zu Speichern stiert, die morsch und im Verfall.

Dumpf tönt der Schall, da wiederkehrt die Flut
Den Kai entlang. Der Stadtnacht Spülicht treibt
Wie eine weiße Haut im Strom und reibt
Sich an dem Dampfer, der im Docke ruht.

Staub, Obst, Papier, in einer dicken Schicht,
So treibt der Kot aus seinen Röhren ganz.
Ein weißes Tanzkleid kommt, in fettem Glanz
Ein nackter Hals und bleiweiß ein Gesicht.

Die Leiche wälzt sich ganz heraus. Es bläht
Das Kleid sich wie ein weißes Schiff im Wind.
Die toten Augen starren groß und blind
Zum Himmel, der voll rosa Wolken steht.

Das lila Wasser bebt von kleiner Welle.
– Der Wasserratten Fährte, die bemannen
Das weiße Schiff. Nun treibt es stolz von dannen,
Voll grauer Köpfe und voll schwarzer Felle.

Die Tote segelt froh hinaus, gerissen
Von Wind und Flut. Ihr dicker Bauch entragt
Dem Wasser groß, zerhöhlt und fast zernagt.
Wie eine Grotte dröhnt er von den Bissen.

Sie treibt ins Meer. Ihr salutiert Neptun
Von einem Wrack, da sie das Meer verschlingt,
Darinnen sie zur grünen Tiefe sinkt,
Im Arm der feisten Kraken auszuruhn.
Georg Heym

Der Tod der Liebenden

Durch hohe Tore wird das Meer gezogen
Und goldne Wolkensäulen, wo noch säumt
Der späte Tag am hellen Himmelsbogen
Und fern hinab des Meeres Weite träumt.

„Vergiß der Traurigkeit, die sich verlor
Ins ferne Spiel der Wasser, und der Zeit
Versunkner Tage. Singt der Wind ins Ohr
Dir seine Schwermut, höre nicht sein Leid.

Laß ab von Weinen. Bei den Toten unten
Im Schattenlande werden bald wir wohnen
Und ewig schlafen in den Tiefen drunten,
In den verborgenen Städten der Dämonen.

Dort wird uns Einsamkeit die Lider schließen.
Wir hören nichts in unserer Hallen Räumen,
Die Fische nur, die durch die Fenster schießen,
Und leisen Wind in den Korallenbäumen.

Wir werden immer bei einander bleiben
Im schattenhaften Walde auf dem Grunde.
Die gleiche Woge wird uns dunkel treiben,
Und gleiche Träume trinkt der Kuß vom Munde.

Der Tod ist sanft. Und die uns niemand gab,
Er gibt uns Heimat. Und er trägt uns weich
In seinem Mantel in das dunkle Grab,
Wo viele schlafen schon im stillen Reich.“

Des Meeres Seele singt am leeren Kahn.
Er treibt davon, ein Spiel den tauben Winden
In Meeres Einsamkeit. Der Ozean
Türmt fern sich auf zu schwarzer Nacht, der Blinden.

In hohen Wogen schweift ein Kormoran
Mit grünen Fittichs dunkler Träumerei.
Darunter ziehn die Toten ihre Bahn.
Wie blasse Blumen treiben sie vorbei.

Sie sinken tief. Das Meer schließt seinen Mund
Und schillert weiß. Der Horizont nur bebt
Wie eines Adlers Flug, der von dem Sund
Ins Abendmeer die blaue Schwinge hebt.
Wilhelm Arent

Der Seele Tod

Es geht ein seltsam Weben und Athmen durch die Nacht,
Seufzer der Sehnsucht beben in deinem Ohre sacht.

Die Winde gleiten kühler hinab den dunklen Weg,
Und leise Stimmen flüstern am blühenden Geheg.

Und in den fernen Wolken im Osten blitzt es auf,
Und von der Erde hebt sich ein sanfter Glanz hinauf.

Es quillt wie Licht und Leben aus dunklem Schooß hervor,
Es ringen sich Gestalten aus Nacht und Tod empor.

Die Welt schaut ihrem Morgen entgegen sehnsuchtsvoll,
Wie einst der ersten Liebe dein Herz entgegenschwoll.

So dürstet uns're Seele heiß nach des Lebens Gluth,
Emporzutauchen aus der schwarzen Todesfluth.

Und immer wieder ringt sich ein Tag aus jeder Nacht,
Du, Seele, bist aus jedem Tod noch auferwacht.

Du wandelst ewig weiter durch Nacht und Tageslicht,
Und Welt auf Welt erhebt sich und Welt auf Welt zerbricht.

Auf Sonnenschwingen hebt sich empor mein Herz und Sinn,
Auf Gottesflügeln schweb' ich empor – wohin? wohin?

In meinen Augen fluthet ein morgenheller Schein,
In meine Seele gluthet das Gottesaug' hinein.

O Glanz, o furchtbar Leuchten, das meinen Geist umwallt,
Du hundertfältig' Leben, dein letzter Schrei verhallt.

O süßes Wunderweben, was meinen Geist umwirbt,
Zu End' ist die Verwandlung, wer Gott geschaut der stirbt!

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