2013-07-31

Goethe, Kerner usw. Gedichte zur Sammlung Menschenleben 6






J.W.v.Goethe

Das Alter

 Das Alter ist ein höflich' Mann:
Einmal übers andre klopft er an;
Aber nun sagt niemand: Herein!
Und vor der Türe will er nicht sein.
Da klinkt er auf, tritt ein so schnell,
Und nun heißt's, er sei ein grober Gesell.
Justinus Kerner

Alter und Winter

 Alter und Winter, Herbheit der Natur!
O daß man auch im Kampf der Elemente
Noch duftend wie die Blume sterben könnte!
Doch ach! man stirbt nicht, man vertrocknet nur.

Und so vertrocknet lebt man sich zum Spott,
Hört jahrelang an seiner Bahre zimmern,
Bis endlich fällt saftlos der Leib in Trümmern,
Und wo die Seele hinfährt, weiß nur Gott.
Clara Müller-Jahnke

Der letzte Gang

 Reich mir den Kelch! Und deine Hand!
Und komm! Das Dunkel bricht herein.
Die Blätter schauern kühl und krank;
noch wehn sie nicht in unsern Wein.

Kein Auge sieht bei Nacht uns nach
und weint um uns bei Morgenschein –
Reich mir den Kelch! Und deine Hand!
Und komm! Wir werden selig sein.
Clara Müller-Jahnke

Im Reiche des Todes

 Und nimmst du gleich die Welt zum Raub,
durch deine Reiche schreit ich;
über das fallende Lindenlaub
und meiner Ahnen wehenden Staub
die segnenden Hände breit ich!

Du bist der finstere Sieger nicht;
du dienst dem lachenden Leben!
Aus deinen Tiefen keimt und bricht
und muß zum flammenden Sonnenlicht
die junge Saat sich heben.
Nachwort

Johann Wolfgang von Goethe

Geh! gehorche meinen Winken,
Nutze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein:
Auf des Glückes großer Wage
Steht die Zunge selten ein;
Du mußt steigen oder sinken,
Du mußt herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,

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