2013-07-28

Wann alle Wässerlein fliessen- Des Knaben Wunderhorn 2.1





Wär ich ein Knab geboren

Es wollt ein Mädel grasen,
Wollt grasen im grünen Klee,
Begegnets ihm ein Reiter,
Wollts haben zu der Eh.

Ach komm, du hurtig Mädel,
Und setz dich zu mir her.
»Ich wollt ich dürft mich setzen,
Kein Gras hats Zicklein mehr.«

Der Reiter spreit den Mantel,
Wohl über den grünen Klee:
Komm du mein wackeres Mädel,
Und setz dich zu mir her.

»Ich wollt, ich dürfte sitzen,
Das Zicklein hat kein Gras,
Hab gar ein zornig Mutter,
Sie schlägt mich alle Tag.«

Hast du ein zornig Mutter,
Und schlägt dich alle Tag,
Verbind den kleinen Finger,
Und sag, er sey dir ab.

»Wie wollt ich dürfen lügen,
Steht mir gar übel an,
Viel lieber wollt ich sprechen,
Der Ritter wär mein Mann.«

»Ach Mutter, liebe Mutter,
Ach gebt mir einen Rath,
Es reitet mir alle Tage
Ein hurtiger Ritter nach.«

Ach Tochter! liebe Tochter!
Den Rath, den geh ich dir,
Laß du den Reiter fahren,
Bleib du das Jahr bey mir.

»Ach Mutter! liebe Mutter!
Der Rath, der ist nicht gut,
Der Ritter ist mir lieber,
Als all dein Hab und Gut.«

Ist dir der Reiter lieber,
Als all mein Hab und Gut,
So bind dein Kleid zusammen,
Und lauf dem Reiter zu.

»Ach Mutter! liebe Mutter!
Der Kleider hab ich nicht viel,
Gieb mir nur hundert Thaler,
So kauf ich, was ich will.«

Ach Tochter! liebe Tochter!
Der Thaler hab ich nicht viel,
Dein Vater hats verruschelt
In Würfel- und Kartenspiel.

»Hats denn mein Vater verruschelt
In Würfel- und Kartenspiel,
So sey es Gott erbarmet,
Daß ich sein Tochter bin.«

»Wär ich ein Knab geboren,
Ich wollte ziehn ins Feld,
Ich wollt die Trommel rühren,;
Dem Kaiser um sein Geld.
Tritt zu

 Wann alle Wässerlein fliessen,
Soll man trinken,
Wann ich mein Schatz nicht rufen darf, ju ja rufen darf,
So thu ich ihm winken.

Winken mit den Augen,
Und treten mit dem Fuß,
S'ist eine in der Stuben, ju ja Stuben,
Und die mir werden muß.

Warum soll sie mir nicht werden,
Denn ich seh sie gern,
Sie hat zwei blaue Aeugelein, ju ja Aeugelein,
Sie glänzen wie zwey Stern.

Sie hat zwey rothe Bäckelein,
Sind röther als der Wein,
Ein solches Mädel findt man nicht, ju ja findt man nicht,
Wohl unter dem Sonnenschein.

»Ach herziger Schatz, ich bitt dich drum,
Laß mich gehen!
Denn deine Leute schmähen mich, ju ja schmähen mich,
Ich muß mich schämen!«

»Was frag ich nach den Leuten,
Die mich schmähen;
Und so lieb ich noch einmal, ju ja noch einmal,
Die schönen Mädchen.«
Es ist der Menschen weh und ach

Wie bin ich krank,
Gebt mir nur einen Trank,
Nur keine Pulver,
Und keine Pillen,
Die können meinen Schmerz nicht stillen:
Wie bin ich krank!

Wie bin ich matt!
Kaum eß ich mich nur satt;
Des Fiebers Wüten
Durchwühlt den Körper,
Schwächt alle Glieder:
Wie bin ich matt!

Ich sterbe ja,
Drum gute Nacht;
Mein Testament ist gemacht,
Sag meiner Phillis,
Sag mein Verlangen,
Dort seh ich sie, sie kommt gegangen,
Küß mir den Mund:
Ich bin gesund.

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