26.08.2013

Die Macht des Gesanges- Schiller und Herder-Gedichte zum Gesang 4


Teil 4




Johann Gottfried Herder

 Der verschiedene Gesang

     Einst schlug mit wundersüßem Schall
Die Klagenreiche Nachtigall;
Ein muntrer Sperling hörte zu:
„O säng ich, Nachtigall, wie du!
Doch warum soll mirs nicht gelingen?
Ich will auch lernen also singen.“

     Die Nachtigall spricht: „nun wohlan!
Es singe, wer da singen kann;
Doch nie war ich um Kunst bemüht: 10
Denn aus dem Herzen quillt mein Lied.
Nur meiner Liebe zarte Klagen,
Nur meine Seufzer will ich sagen.“

     „Wenn Liebe den Gesang dir gibt,
Wer ist mehr als der Spatz verliebt?
Ich sing’ auch Liebe“ – – Was geschieht?
Er zirpt ein Nachtigallenlied,
Und seine Bule war zufrieden;
Ihr war ein Sperlingsohr beschieden.

     Nicht also wars die Nachtigall:
„Was quälst du, sprach sie, deinen Schall!
Sing’ doch und lieb’ in deiner Art,
Die Meine laß mir aufgespart.
Du tändelst froh; ich singe Schmerz:
Wie der Gesang, so ist das Herz.“

     Die ihr ein Lied der Liebe wagt,
Hört, was die Nachtigall euch sagt.
Wer tändeln kann und klagen will,
Der schweige mit der Klage still.
Gar anders liebt des Sperlings Herz;
Gar anders Philomelens Schmerz.
Friedrich Schiller

Die Macht des Gesanges

Ein Regenstrom aus Felsenrissen,
Er kommt mit Donners Ungestüm,
Bergtrümmer folgen seinen Güssen,
Und Eichen stürzen unter ihm,
Erstaunt, mit wollustvollem Grausen,
Hört ihn der Wanderer und lauscht,
Er hört die Flut vom Felsen brausen,
Doch weiß er nicht, woher sie rauscht:
So strömen des Gesanges Wellen
Hervor aus nie entdeckten Quellen.

Verbündet mit den furchtbarn Wesen,
Die still des Lebens Faden drehn,
Wer kann des Sängers Zauber lösen,
Wer seinen Tönen widerstehn?
Wie mit dem Stab des Götterboten
Beherrscht er das bewegte Herz,
Er taucht es in das Reich der Toten,
Er hebt es staunend himmelwärts
Und wiegt es zwischen Ernst und Spiele
Auf schwanker Leiter der Gefühle.

Wie wenn auf einmal in die Kreise
Der Freude, mit Gigantenschritt,
Geheimnisvoll nach Geisterweise
Ein ungeheures Schicksal tritt.
Da beugt sich jede Erdengröße
Dem Fremdling aus der andern Welt,
Des Jubels nichtiges Getöse
Verstummt, und jede Larve fällt,
Und vor der Wahrheit mächtgem Siege
Verschwindet jedes Werk der Lüge.

So rafft von jeder eiteln Bürde,
Wenn des Gesanges Ruf erschallt,
Der Mensch sich auf zur Geisterwürde
Und tritt in heilige Gewalt,
Den hohen Göttern ist er eigen,
Ihm darf nichts Irdisches sich nahn,
Und jede andre Macht muß schweigen,
Und kein Verhängnis fällt ihn an,
Es schwinden jedes Kummers Falten,
Solang des Liedes Zauber walten.

Und wie nach hoffnungslosem Sehnen,
Nach langer Trennung bitterm Schmerz,
Ein Kind mit heißen Reuetränen
Sich stürzt an seiner Mutter Herz,
So führt zu seiner Jugend Hütten,
Zu seiner Unschuld reinem Glück,
Vom fernen Ausland fremder Sitten
Den Flüchtling der Gesang zurück,
In der Natur getreuen Armen

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