2013-10-29

Abendlied an die Natur- Gedichte zur Natur (12)






Gottfried Keller

Abendlied an die Natur

Hüll’ ein mich in die grünen Decken,
Mit deinem Säuseln sing mich ein,
Bei guter Zeit magst du mich wecken
Mit deines Tages jungem Schein!
Ich hab mich müd in dir ergangen,
Mein Aug’ ist matt von deiner Pracht.
Nun ist mein einziges Verlangen, Im
Traum zu ruhn in deiner Nacht.

Des Kinderauges freudig Leuchten
Schon fingest du mit Blumen ein,
Und wollte junger Gram es feuchten,
Du scheuchtest ihn mit buntem Schein.
Ob wildes Hassen, masslos Lieben
Mich zeither auch gefangen nahm:
Doch immer bin ich Kind geblieben,
Wenn ich zu dir ins Freie kam!

Geliebte, die mit ew’ger Treue
Und ew’ger Jugend mich erquickt,
Du einz’ge Lust, die ohne Reue
Und ohne Nachweh mich entzückt 
Sollt’ ich dir jemals untreu werden,
Dich kalt vergessen, ohne Dank,
Dann ist mein Fall genaht auf Erden,
Mein Herz verdorben oder krank!

O steh’ mir immerdar im Rücken,
Lieg’ ich im Feld mit meiner Zeit!
Mit deinen warmen Mutterblicken
Ruh’ auf mir auch im schärfsten Streit’
Und sollte mich das Ende finden,
Schnell decke mich mit Rasen zu;
O selig Sterben und Verschwinden
In deiner stillen Herbergsruh!
Betty Paoli

An die Natur

Es pfleget die gedankenlose Gilde,
Zum Jubel stets bereit wie zum Verzagen,
Jetzt kalter Grausamkeit dich anzuklagen,
Und wieder dann zu preisen deine Milde. 

Sie messen dich nach ihrem eig'nen Bilde,
Und können sich des Wahnes nicht entschlagen,
Das Lieb' und Haß, wie sie im Herzen tragen,
Bald segne, bald verwüste ihr Gefilde. 

O Torheit, Strenge, Huld dir anzudichten!
Du kennst nur der Notwendigkeit Gesetz,
Und bleibst ihm treu beim Schaffen und Vernichten. 

Ob Heil, ob Fluch in deines Mantels Falten
Sich berge, Ewige! mir bist du stets,
Was einst das Fatum war den frommen Alten.

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