30.10.2013

Die Natur im Spiegel von Gedichten- A.F.v.Schack und H.v.Lingg (16)





Adolf Friedrich von Schack

Allein mit der Natur

O zu stromzerrißnen Thälern
Führt mich, wo das Leben schweigt,
Und die Felswand blau und stählern
Unerklimmbar aufwärts steigt;
Wo der Strauch der wilden Rose,
Von der Bäche Schaum besprengt,
Zitternd in die bodenlose
Abgrundtiefe niederhängt!

Wenn in Klüften, tief geborsten,
Dort der Sturm das Echo weckt
Und aus ihren Felsenhorsten
Die verstörten Adler schreckt,
Grüßt mit tausendstimm'gen Chören
Mich im Wogenschlag der Seen,
In dem Rauschen durch die Föhren
Des Naturgeists ew'ges Wehn.

Mächtiger! In deinen Schauern
Fühl' ich mit gehobner Brust
Nicht der Erde kleines Trauern
Mehr, noch ihre kleinre Lust;
Fühle nur, wie deine Schwinge
Aufwärts meine Seele trägt
Und das große Herz der Dinge
Mächtig an das meine schlägt.
Hermann von Lingg

Die Natur

Wer kennt denn wirklich die Natur?
Wer Berge sah und blaue Seen? -
Wen sie entzückt, der hat doch nur
Ihr Kleid und nicht sie selbst gesehen,
Der kennt sie, wie das Kind sie kennt,
Das auf dem Schoß die Mutter schaukelt,
Und, wie bewegt vom Element
Ein Falter, der um Blumen gaukelt.

Wer sie nicht sah im wilden Kampf,
Im Kampf des Lebens gegen Leben,
In Liebesgluth und Todeskrampf,
Im Siegen und im Sichergeben,
Der hörte nicht den Schmerzenston
Das Lied der Nachtigall begleiten,
Dem klangen nicht in Stürmen schon
Der eig'nen Brust zerriss'ne Saiten. 

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