2013-10-26

Einführung in den West-östlichen Divan von J.W.v.Goethe





Der West-östliche Divan entstand in den Jahren 1814/15 erschien aber erst im Jahr 1819. Nie vorher oder nachher hat Goethe einen orientalischen Stoff in dieser Breite in einem seiner Werke behandelt. Allerdings zeigen frühere Dichtungen wie "Der Gott und die Bajadere" oder "Mahomet"  das der Dichter sich, wenn auch nur vereinzelt, mit orientalischen Themen beschäftigt hat. Von einer wissenschaftlichen Orientalistik im heutigen Sinne kann man auch erst mit dem Erscheinen des Werkes 
" Über die Sprache und Weisheit der Inder" von F.Schlegel aus dem Jahr 1808 sprechen. Goethe hat dieses Werk nachweislich im Erscheinungsjahr gelesen, allerdings ist keine Beurteilung des Dichters bekannt eben so wenig ob ihm das Werk nachhaltig beeindruckt hat.

Ein wirkliches Studium arabischer Literatur begann Goethe im Jahr 1814 als er sich von Mai bis Juni in Berka aufhielt. Insbesondere die Poesie des Persers Hafis rückte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Dichters. Goethe las eine Übersetzung des deutschen Orientalisten Hammer- Purgstall und war von der Lektüre nachhaltig beeindruckt. Er schrieb:

Die Einwirkung war zu lebhaft, die deutsche Übersetzung lag vor, und ich mußte also hier Veranlassung finden zu eigener Teilnahme. Alles was dem Stoff und dem Sinne nach bei mir Ähnliches verwahrt und gehegt worden, tat sich hervor, und dies mit um so mehr Heftigkeit, als ich höchst nötig fühlte mich aus der wirklichen Welt, die sich selbst offenbar und im stillen bedrohte, in eine ideelle zu flüchten, an welcher vergnüglichen Teil zu nehmen meine Lust, Fähigkeit und Willen überlassen war. [...]

Diese Beweggründe legen dar, das die Beschäftigung Goethes mit dem Stoff als eine Art Flucht aus der europäischen Gegenwart in den "märchenhaften" Orient zu verstehen ist.

Bereits die ersten Strophen machen klar warum sich Goethe von Europa abwendet und sich  einem östlichen Thema zuwendet:


Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten,
Unter Lieben, Trinken, Singen
Soll dich Chisers Quell verjüngen.

Dort, im Reinen und im Rechten,
Will ich menschlichen Geschlechten
In des Ursprungs Tiefe dringen,
Wo sie noch von Gott empfingen
Himmelslehr in Erdesprachen
Und sich nicht den Kopf zerbrachen.

Die politischen Wirren in Europa indem das Unterste zum Obersten gespült wird sucht der Dichter zu entfliehen und sucht im Orient nach dem "Reinen und Rechten".
Die Dichtung enthält eine Vielzahl von Anspielungen auf das aktuelle Zeitgeschehen bzw. auf die politischen Wirren sowie persönliche Bezüge.
In der Dichtung versucht Goethe belehrend und mahnend auf seine Zeitgenossen einzuwirken.

In dem Gedicht "Winter und Timur" spielt Goethe auf den Untergang der großen Armee Napoleons vor Moskau an indem er dichtet:


So umgab sie nun der Winter
Mit gewaltgem Grimme, Streuend
Seinen Eishauch zwischen alle,
Hetzt er die verschiedenen Winde
Widerwärtig auf sie ein. 

Immer wieder wird Goethe seine Nähe zu den Herrschenden seiner Zeit zum Vorwurf gemacht. Goethe stand den Befreiungskriegen mit Distanz gegenüber und er hatte sich auch nach seiner Begegnung mit Napoleon, von dessen Persönlichkeit beeindruckt gezeigt. Sein Gedicht "Winter und Timur" endet allerdings mit:


Leise, langsam, Unglücksel`ger!
Wandle, du Tyrann des Unrechts;
Sollen länger noch die Herzen
Sengen, brennen deinen Flammen?

Für die Verständigung der europäischen Völker untereinander tritt Goethe in einem Gedicht aus dem Buch des Unmuts ein:


Und wer franzet oder britet,
Italienert oder teutschet,
Einer will nur wie der andre,
Was der Eigenliebe heischet. 

Und weiter heißt es:


Morgen habe dann das Rechte
Seine Freunde wohlgesinnet,
Wenn nur heute noch das Schlechte
Voller Platz und Gunst gewinnet.

Eines der tiefsinnigsten Passagen des West-östlichen Divans ist das voll philosophischer Gedanken steckende Gedicht "Selige Sehnsucht" mit den Schlußversen:


Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.


Das Buch Suleika ist eine Erklärung an die Liebe deren autobiografischen Bezüge der sinnenfrohe Dichter verschleiert. In einem Gedicht heißt es : 

Locken, haltet mich gefangen
In dem Kreise des Gesichts!
Euch geliebten braunen Schlangen
Zu erwidern hab' ich Nichts.

Nur dies Herz, es ist von Dauer,
Schwillt in jugendlichstem Flor;
Unter Schnee und Nebelschauer
Ras't ein Ätna dir hervor.

Du beschämst wie Morgenröte
Jener Gipfel ernste Wand,
Und noch einmal fühlet Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.

Schenke, her! Noch eine Flasche!
Diesen Becher bring' ich Ihr!
Findet sie ein Häufchen Asche,
Sagt sie: "Der verbrannte mir".

In der 3. Strophe reimt sich auf Morgenröte der Name Goethe den der Dichter aber durch Hatem ersetzt hat.

Bis heute sind wohl nicht alle Passagen des West-östlichen Divans völlig entschlüsselt. Die Sammlung ist reifste Lyrik voller Weisheit die Goethe, der auf ein langes Leben zurückblicken kann, in die Dichtung einbringt. 
Die gesamte Sammlung ist in Sprache und Form von allerhöchster künstlerischer Qualität war aber für die Zeitgenossen schwer verständlich so das die Dichtung keine Breitenwirkung erzielte. Allerdings übte die Dichtung einen großen Einfluss auf die Dichter der Zeit aus die sich in der Folge des West-östlichen Divans mit derselben Thematik beschäftigten.
(Heine, Platen, Rückert usw.)



                                                                    

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