2013-10-30

Heinrich Seidel -Naturforscherlied- Gedichte zur Natur (17)






Heinrich Seidel

Naturforscherlied

Die kühnen Forscher sollen leben, 
Die spüren und sinnieren und studieren Tag und Nacht, 
Bis was es giebt und hat gegeben, 
Ergründet und verkündet und ans Licht gebracht 
Und ist es noch so tief versteckt, 
Es muss hervor, es wird entdeckt! 
Und ist es noch so weit und hoch, 
Sie kriegen's doch! 

Was in des Meeres dämmergrünen Gründen 
Mit Kribbeln und mit Krabbeln und mit Kriechen nur sich regt, 
Was in der Erde moderigsten Schlünden 
Im Dunkel mit Gemunkel für Gewürme sich bewegt, 
Man spürt ihm nach, es muss hervor, 
Die Wissenschaft nimmt es beim Ohr 
Und sperret Alles gross und klein in ihr System hinein! 

Es sauset der Komete durch den Aether 
Zur Sonne seiner Wonne und verschwindet dann im All. 
Gleich wird der Astronome zum Verräther 
Mit Spüren, Integrieren an dem luft'gen Weltenball 
Kommt er nach Jahren dann an's Licht 
Und denkt er dann, man kennt ihn nicht: 
"Wir kennen dich!" so hört er schrein: 
"Kometelein !" 

Trichinchen trieb sich froh und munter 
Spiralisch, kannibalisch in dem Muskelfleisch herum! 
Sie trieb es bunt und trieb es immer bunter 
Und brachte so ganz sachte viele Menschenkinder um. 
Da nahm die Wissenschaft das Glas 
Und sprach: "Haha, das kommt von Das!" 
Da hatten sie dich gleich beim Bein, 
Trichinelein! 

Wo in der Urzeit allerfernstem Dunkel 
In Wischwasch und in Mischmasch die Geschichte sich verliert, 
Wo in des Chaos wühlendem Gemunkel 
Des Laien Auge rath- und that- und pfadlos sich verirrt, 
Da zünden sie ein Licht uns an, 
Dass man es deutlich schauen kann: 
So war es einst, so sah es aus 
Im Erdenhaus! 

Sie lesen in den Eingeweiden 
Der Erde ohn' Beschwerde wie in Urzeit sie es trieb, 
Als sie in jenen jugendlichen Zeiten 
Mit Lias, Trias, Kreide sich ihr Tagebuch noch schrieb, 
Und was sie alles durchgemacht, 
Bis sie es dann so weit gebracht, 
Dass man gemächlich ohn' Beschwer' 
Drauf geht umher. 

Wie unter riesenhohen Palmen 
Behaglich ging spazieren noch das Mastodon, 
Wie's mächtig rauschte in den Schachtelhalmen, 
Und noch die Welt nichts wusste von der Kreideformation 
Wie all das Vorweltsteufelsvieh 
Vergnüglich lebt' und frass und schrie, 
Bis dann das Unglück es betroff 
Und es ersoff! 

Wie dann der biedre Pfahlgenosse 
Behaglich in dem Pfahlbau seinen Torfschweinschinken ass 
Und lustig lebt in seinem Pfahlbauschlosse, 
Bis endlich ihm die Bronzezeit versalzte seinen Spass. 
Wie darauf dann das Eisen kam, 
Und die Kultur 'nen Fortschritt nahm, 
Und wie wir's seit der Affenzeit 
Doch brachten weit! 

Es lebe die Naturgeschichte! 
Es leben, die ihr Leben und Bestreben ihr geweiht, 
Die sie entzündet gleich dem Lichte, 
Der Wahrheit helle Klarheit zu verkünden weit und breit. 
Auf, stosset eure Gläser an! 
Und rufet Alle Mann für Mann: 
"Es blühe stets in neuer Kraft 
Die Wissenschaft!"

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