30.01.2014

Gedichte v. A.v.Chamisso: Wer nicht gereist (70)




Wer nicht gereist

Wer nicht gereist, den acht man nicht,
Er kann auch nichts berichten.
Ich bin ein Mann ja von Gewicht,
Ich muß darnach mich richten.
Ein Schiffspatron, der das begriff,
Nahm mich als Ballast in sein Schiff
Und tat die Anker lichten.

So reist ich mit, und das war gut,
Ich kann nur eins nicht loben;
Wie’s einer schwängern Frau zumut,
Mußt ich an mir erproben.
Das Schiff, das schwankte hin und her,
Ich aber spie die Kreuz und Quer
Und ließ die Winde toben.

Die Linie war zu unsrer Zeit
Bereits schon reduzieret,
Der Weg stand offen weit und breit,
Kein Mensch, der visitieret.
Wir schlüpften durch und waren froh,
Dann links, dann rechts, und kamen so,
Wo Riesen sonst hausieret.

Es kamen keine an den Strand,
Ihr Stamm ist ausgegangen.
Wir trauten uns doch nicht ans Land,
Uns hielt ein heimlich Bangen.
Wir sahn von fern, gen Untergang,
Noch deren Schatten, groß und lang,
Aus düstern Nebeln prangen.

Und wir gerieten bald darauf
Gar zu den Menschenfressern.
Es macht der Zeiten jetz’ger Lauf,
Daß diese selbst sich bessern.
Wir kamen ungenossen los
Und zahlten für das Leben bloß
Mit Spiegeln und mit Messern.

Dann lieferten wir eine Schlacht,
Wie später ich vernommen.
Der Schiffspatron rief in der Nacht:
„Seeräuber sind gekommen!“
Ließ schießen ins Gelach hinein:
Er hörte laut die Toten schrein,
Bis es ein End genommen.

Die Losung war: Tod oder Sieg,
Der Sieg war gut zu kaufen.
Wir mußten uns nach diesem Krieg
Oft mit der Luft noch raufen.
Der Sturm zerbrach uns einen Mast,
Es war noch Glück, in aller Hast,
Bei Wilden einzulaufen.

Die Wilden! eine wilde Bott
Mit Rauben und mit Morden.
Wir dankten alle unserm Gott,
Daß selbst wir zahm geworden.
Es waren ihrer nicht zuviel,
Wir nahmen nun, was uns gefiel.
Und segelten nach Norden.

Und kamen bald, da, wo die Welt
Vernagelt ist mit Brettern.
Der hohe Zaun sich vor uns stellt,
Ein Fluchen war’s, ein Wettern.
„Setzt mir die große Leiter dran“,
Schrie der Patron, „ich will voran,
Ich will hinüberklettern.“

Da war ein Jubel, ein Geschrei,
Die Schluchten widerhallten.
Ich schlich mich an den Zaun herbei
Und guckte durch die Spalten.
Ich sah von fern die Stange stehn,
Um welche sich die Welten drehn,
Sie scheint noch gut zu halten.

Kaum stieg hinan der Schiffspatron,
So fing’s ihm an zu schwindeln.
Hinab, hinab, da lag er schon
Inmitten seiner Mündeln.
Der Mann war krank, der Mann war bleich,
Er war in seiner Ohnmacht gleich
Dem Kindlein in den Windeln.

Und als er auf die Augen schlug,
Da sprach er dann gleich weiter:
„Es ist für dieses Mal genug,
Wir lassen hier die Leiter.
Ihr seid von Gott mir an vertraut,
Ich bring euch heim mit heiler Haut,
Das scheint mir baß gescheiter.“

Wir haben uns darein gefügt
Und sind auch heimgefahren.
Doch hört: ein Hundsfott, wer da lügt,
Wir sprechen von Gefahren:
Die See ist tief und balkenlos,
Der Weg ist lang, die Welt ist groß,
Das haben wir erfahren.




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