06.05.2014

"Anmut" - Gedichte v.N.Lenau (12)




Anmut

Die Hoffnung, eine arge Dirne,
Verbuhlte mir den Augenblick,
Bestahl mit frecher Lügensterne
Mein junges Leben um sein Glück.

Nun ist es vorüber; in den Tagen,
Als ihr Betrug ins Herz mir schnitt,
Habe ich das süße Kind erschlagen,
Und mit dem Leben bin ich quitt.

Nicht mehr zum Lustschloß umgelogen,
Scheint mir die Erde, was sie ist:
Ein schwankes Zelt, das wir bezogen
-- Gott habe Dank! -- auf kurze Frist.

Zu lange doch dünkt mir das Brüten
Hier unter diesem schwanken Zelt;
Ergreif es, Sturm, in deinem Wüten,
Und streue die Lappen in die Welt!



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