2014-10-30

Gedichte von O.Reutter: Ich hab zuviel Angst vor meiner Frau (8)



Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau

Ich bin ein Mann — das kann ein jeder sehen,
Ich habe Kraft — verlassen Sie sich drauf—
Und sollt heut abend hier ein Streit entstehen,
Da nehme ich’s bestimmt mit jedem auf.
Da geh ich ran - da furcht ich kein’n Krakeeler -
Sie solln mal sehen, wie ich den verhau —
Ich bin nicht schwach - ich hab bloß einen Fehler:
Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau.

Das ist ’ne Frau, die niemals ich bezwinge-
Sie spricht nicht viel - ihr Blick sagt um so mehr -
Wenn die mal zum Zoolog’schen Garten ginge,
Da bändigt sie die Viecher samt Dresseur. -
Der stärkste Löwe fallt dann in Hypnose -
Sie ist sehr lang, von schmächt’gem Körperbau -
Guckt sie mich an, plumpst ’s Herz mir in die Hose.
Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau.

Ich lernt sie kennen in ’nem Ball-Lokale. -
Ich wollt’ sie nicht - sie aber sah mich an,
Als wollt’ sie sagen, ein für alle Male:
»Du mußt!« — Ich war der reine Mustermann.
Am Standesamt noch wollte »nein« ich sagen -
Da traf ihr Blick mich streng und scharf und rauh —
Da sagt ich » ja « mit Zittern und mit Zagen -
Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau.

Nun bin zu Hause ich in schweren Nöten,
Geh leise auf den Zehen hin und her -
Ich trau mich nicht, energisch »aufzutreten« -
Ich habe keinen freien Willen mehr.
Ich frag sie immer, eh ich aus dem Hause tret,
Ob ich auch darf - sonst bleib ich drin im Bau -
Ich frag selbst um Erlaubnis, wenn ich austret -
Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau.

Sie kocht — man kann nicht sagen, das sie gut kocht.
Sie weiß nie, was es wird — ich halte still.
Sag ich ’nen Ton, kommt’s vor, das sie vor Wut kocht —
Dann kocht sie immer das, was ich nicht will.
»Koch keine Fische«, hab ich oft gebeten —
Nun gibt’s dreimal die Woche Kabeljau. —
Ich freß sie auf - ich freß sogar die Gräten -
Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau.

Mein schönes Wirtshausleben ist erloschen -
Ich darf nicht raus — die Schlüssel sind bei ihr —
Sie hat das Geld, erlaubt mir nicht ’nen Groschen.
Bloß Geld verdienen, das erlaubt sie mir.
Wenn ich sie seh, schleich ich von dannen immer -
Sogar am Abend drücke ich mich schlau. -
Ich schlaf auch nicht mir ihr in einem Zimmer. -
Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau.

Wir habn kein Kind - das stimmt sie manchmal traurig,
Und strenge sagt sie mir: »Du bist kein Mann!
Komm, küsse mich! — Auf deine Liebe lau’r ich.«
Sie schaut mich an - da trau ich mich nicht ran.
Ich stehe an der Tür wie ’n armer Sünder,
’ne Schande ist’s, das ich mich nicht getrau —
Wir bleibn allein - wir kriegen keine Kinder. -
Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau.

Ist sie verreist, dann kann ich freier schalten -
Dann nehm ’ne andre ich ins Kämmerlein -
Doch an der Wand hängt’s Bild von meiner Alten
Mit einem Blick - der geht durch Mark und Bein.
Drum, eh ich knüpfe andre Liebesbande,
Dreh ich sie um, daß sie mich nicht beschau -
Guckt sie mich an, bin ich zu nichts imstande.
Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau.

So leb ich nun in stetem Angstgewimmel -
Doch sollt sie früher sterben als wie ich,
Dann leb ich auf- bloß, komm ich einst zum Himmel,
Dann drückt von neuem eine Sorge mich.
Da frage ich den Petrus schon von außen:
»Ist meine Frau drin? — Suche ganz genau —
Und ist sie drin, dann laß mich lieber draußen -
Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau.«

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