2014-11-29

Eckermann: Gespräche mit Goethe: 2.Teil: 22.03.- 01.04.1831 (62)




Dienstag, den 22. März 1831


Goethe las mir zum Nachtisch Stellen aus einem Briefe eines jungen Freundes aus Rom. Einige deutsche Künstler erscheinen darin mit langen Haaren, Schnurrbärten, übergeklappten Hemdkragen auf altdeutschen Röcken, Tabakspfeifen und Bullenbeißern. Der großen Meister wegen und um etwas zulernen, scheinen sie nicht nach Rom gekommen zu sein. Raffael dünkt ihnen schwach, und Tizian bloß ein guter Kolorist.


»Niebuhr hat recht gehabt,« sagte Goethe, »wenn er eine barbarische Zeit kommen sah. Sie ist schon da, wir sind schon mitten darinne; denn worin besteht die Barbarei anders als darin, daß man das Vortreffliche nicht anerkennt.«Der junge Freund erzählt sodann vom Karneval, von der Wahl des neuen Papstes und der gleich hinterdrein ausbrechenden Revolution.


Wir sehen Horace Vernet, welcher sich ritterlich verschanzet; einige deutsche Künstler dagegen sich ruhig zu Hause halten und ihre Bärte abschneiden, woraus zu bemerken, daß sie sich bei den Römern durch ihr Betragen nicht eben sehr beliebt mögen gemacht haben.


Es kommt zur Sprache, ob die Verirrung, wie sie an einigen jungen deutschen Künstlern wahrzunehmen, von einzelnen Personen ausgegangen sei und sich als eine geistige Ansteckung verbreitet habe, oder ob sie in der ganzen Zeit ihren Ursprung gehabt.


»Sie ist von wenigen einzelnen ausgegangen«, sagte Goethe,»und wirkt nun schon seit vierzig Jahren fort. Die Lehre war: der Künstler brauche vorzüglich Frömmigkeit und Genie, um es den Besten gleichzutun. Eine solche Lehre war sehr einschmeichelnd, und man ergriff sie mit beiden Händen. Denn um fromm zu sein, brauchte man nichts zu lernen, und das eigene Genie brachte jeder schon von seiner Frau Mutter. Man kann nur etwas aussprechen, was dem Eigendünkel und der Bequemlichkeit schmeichelt, um eines großen Anhanges in der mittelmäßigen Menge gewiß zu sein!«
Freitag, den 25. März 1831


Goethe zeigte mir einen eleganten grünen Lehnstuhl, den er dieser Tage in einer Auktion sich hatte kaufen lassen.


»Ich werde ihn jedoch wenig oder gar nicht gebrauchen,« sagte er, »denn alle Arten von Bequemlichkeit sind eigentlich ganz gegen meine Natur. Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa ;ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anfügen lassen. Eine Umgebung von bequemen geschmackvollen Meublen hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen behaglichen passiven Zustand. Ausgenommen, daß man von Jugend auf daran gewöhnt sei, sind prächtige Zimmer und elegantes Hausgeräte etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen.«
Sonntag, den 27. März 1831


Das heiterste Frühlingswetter ist nach langem Erwarten endlich eingetreten; am durchaus blauen Himmel schwebt nur hin und wieder ein weißes Wölkchen, und es ist warm genug, um wieder in Sommerkleidern zu gehen.


Goethe ließ in einem Pavillon am Garten decken, und so aßen wir denn heute wieder im Freien. Wir sprachen über die Großfürstin, wie sie im stillen überall hinwirke und Gutes tue und sich die Herzen aller Untertanen zu eigen mache.


»Die Großherzogin«, sagte Goethe, »hat so viel Geist und Güte als guten Willen; sie ist ein wahrer Segen für das Land. Und wie nun der Mensch überhaupt bald empfindet, woher ihm Gutes kommt, und wie er die Sonne verehrt und die übrigen wohltätigen Elemente, so wundert es mich auch nicht, daß alle Herzen sich ihr mit Liebe zuwenden und daß sie schnell erkannt wird, wie sie es verdient.«


Ich sagte, daß ich mit dem Prinzen "Minna von Barnhelm" angefangen, und wie vortrefflich mir dieses Stück erscheine. »Man hat von Lessing behauptet,« sagte ich, »er sei ein kalter Verstandesmensch; ich finde aber in diesem Stück so viel Gemüt, liebenswürdige Natürlichkeit, Herz und freie Weltbildung eines heiteren frischen Lebemenschen, als man nur wünschen kann.«


»Sie mögen denken,« sagte Goethe, »wie das Stück auf uns jungen Leute wirkte, als es in jener dunkelen Zeit hervortrat! Es war wirklich ein glänzendes Meteor. Es machte uns aufmerksam, daß noch etwas Höheres existiere, als wovon die damalige schwache literarische Epoche einen Begriff hatte. Die beiden ersten Akte sind wirklich ein Meisterstück von Exposition, wovon man viel lernte und wovon man noch immer lernen kann.


Heutzutage will freilich niemand mehr etwas von Exposition wissen; die Wirkung, die man sonst im dritten Akt erwartete, will man jetzt schon in der ersten Szene haben, und man bedenkt nicht, daß es mit der Poesie wie mit dem Seefahren ist, wo man erst vom Ufer stoßen und erst auf einer gewissen Höhe sein muß, bevor man mit vollen Segeln gehen kann.«


Goethe ließ etwas trefflichen Rheinwein kommen, womit Frankfurter Freunde ihm zu seinem letzten Geburtstag ein Geschenk gemacht. Er erzählte mir dabei einige Anekdoten von Merck, der dem verstorbenen Großherzog nicht habe verzeihen können, daß er in der Ruhl bei Eisenach eines Tages einen mittelmäßigen Wein vortrefflich gefunden.»


Merck und ich«, fuhr Goethe fort, »waren immer miteinander wie Faust und Mephistopheles. So mokierte er sich über einen Brief meines Vaters aus Italien, worin dieser sich über die schlechte Lebensweise, das ungewohnte Essen, den schweren Wein und die Moskitos beklagt, und er konnte ihm nicht verzeihen, daß in dem herrlichen Lande und der prächtigen Umgebung ihn so kleine Dinge wie Essen, Trinken und Fliegen hätten inkommodieren können.


Alle solche Neckereien gingen bei Merck unstreitig aus dem Fundament einer hohen Kultur hervor; allein da er nicht produktiv war, sondern im Gegenteil eine entschieden negative Richtung hatte, so war er immer weniger zum Lobe bereit, als zum Tadel, und er suchte unwillkürlich alles hervor, um solchem Kitzel zu genügen.«


Wir sprachen über Vogel und seine administrativen Talente, sowie über Gille und dessen Persönlichkeit. »Gille«, sagte Goethe, »ist ein Mann für sich, den man mit keinem andern vergleichen kann. Er war der einzige, der mit mir gegen den Unfug der Preßfreiheit stimmte; er steht fest, man kann sich an ihm halten; er wird immer auf der Seite des Gesetzlichen sein.«


Wir gingen nach Tisch ein wenig im Garten auf und ab und hatten unsere Freude an den blühenden weißen Schneeglöckchen und gelben Krokus. Auch die Tulpen kamen hervor, und wir sprachen über die Pracht und Kostbarkeit der holländischen Gewächse solcher Art. »Ein großer Blumenmaler«, sagte Goethe, »ist gar nicht mehr denkbar; es wird jetzt zu große wissenschaftliche Wahrheit verlangt und der Botaniker zählt dem Künstler die Staubfäden nach, während er für malerische Gruppierung und Beleuchtung kein Auge hat.«
Montag, den 28. März 1831


Ich verlebte heute mit Goethe wieder sehr schöne Stunden.»Mit meiner "Metamorphose der Pflanzern", sagte er, »habe ich so gut wie abgeschlossen. Dasjenige, was ich über die Spirale und Herrn von Martius noch zu sagen hatte, ist auch so gut wie fertig, und ich habe mich diesen Morgen schon wieder dem vierten Bande meiner Biographie zugewendet und ein Schema von dem geschrieben, was noch zu tun ist. Ich kann es gewissermaßen beneidenswürdig nennen, daß mir noch in meinem hohen Alter vergönnt ist, die Geschichte meiner Jugend zu schreiben, und zwar eine Epoche, die in mancher Hinsicht von großer Bedeutung ist.«


Wir sprachen die einzelnen Teile durch, die mir wie ihm vollkommen gegenwärtig waren.»


Bei dem dargestellten Liebesverhältnis mit Lili«, sagte ich,»vermißt man Ihre Jugend keineswegs, vielmehr haben solche Szenen den vollkommenen Hauch der frühen Jahre.«


»Das kommt daher,« sagte Goethe, »weil solche Szenen poetisch sind und ich durch die Kraft der Poesie das mangelnde Liebesgefühl der Jugend mag ersetzt haben.«


Wir gedachten sodann der merkwürdigen Stelle, wo Goethe über den Zustand seiner Schwester redet. »Dieses Kapitel«,sagte er, »wird von gebildeten Frauen mit Interesse gelesen werden; denn es werden viele sein, die meiner Schwester daringleichen, daß sie bei vorzüglichen geistigen und sittlichen Eigenschaften nicht zugleich das Glück eines schönen Körpers empfinden.«


»Daß sie«, sagte ich, »bei bevorstehenden Festlichkeiten und Bällen gewöhnlich von einem Ausschlag im Gesicht heimgesucht wurde, ist etwas so Wunderliches, daß man es der Einwirkung von etwas Dämonischem zuschreiben möchte.«


»Sie war ein merkwürdiges Wesen,« sagte Goethe, »sie stand sittlich sehr hoch und hatte nicht die Spur von etwas Sinnlichem. Der Gedanke, sich einem Manne hinzugeben, war ihr widerwärtig, und man mag denken, daß aus dieser Eigenheit in der Ehe manche unangenehme Stunde hervorging. Frauen, die eine gleiche Abneigung haben oder ihre Männer nicht lieben, werden empfinden, was dieses sagen will. Ich konnte daher meine Schwester auch nie als verheiratet denken, vielmehr wäre sie als Äbtissin in einem Kloster recht eigentlich an ihrem Platze gewesen.


Und da sie nun, obgleich mit einem der bravsten Männer verheiratet, in der Ehe nicht glücklich war, so widerriet sie so leidenschaftlich meine beabsichtigte Verbindung mit Lili.«
Dienstag, den 29. März 1831


Wir sprachen heute über Merck, und Goethe erzählte mir noch einige charakteristische Züge.»Der verstorbene Großherzog«, sagte er, »war Mercken sehr günstig, so daß er sich einst für eine Schuld von viertausend Talern für ihn verbürgte. Nun dauerte es nicht lange, so schickte Merck zu unserer Verwunderung die Bürgschaft zurück. Seine Umstände hatten sich nicht verbessert, und es war rätselhaft, welche Art von Negoziation er mochte gemacht haben. Als ich ihn wiedersah, löste er mir das Rätsel in folgendenWorten.


Der Herzoge sagte er, ist ein freigebiger, trefflicher Herr, der Zutrauen hat und den Menschen hilft, wo er kann. Nun dachte ich mir: betrügst du diesen Herrn um das Geld, so wirket das nachteilig für tausend andere; denn er wird sein köstliches Zutrauen verlieren, und viele unglückliche gute Menschen werden darunter leiden, daß einer ein schlechter Kerl war. Was habe ich nun getan? Ich habe spekuliert und das Geld von einem Schurken geliehen. Denn wenn ich diesen darum betrüge, so tuts nichts; hätte ich aber den guten Herrn darum betrogen, so wäre es schade gewesene«


Wir lachten über die wunderliche Großheit dieses Mannes.»Merck hatte das Eigene,« fuhr Goethe fort, »daß er im Gespräch mitunter he! he! herauszustoßen pflegte. Dieses Angewöhnen steigerte sich, wie er älter wurde, so daß es endlich dem Bellen eines Hundes glich. Er fiel zuletzt in eine tiefe Hypochondrie, als Folge seiner vielen Spekulationen, und endigte damit, sich zu erschießen. Er bildete sich ein, er müsse bankerott machen; allein es fand sich, daß seine Sachen keineswegs so schlecht standen, wie er es sich gedacht hatte.«
Mittwoch, den 30. März 1831


Wir reden wieder über das Dämonische.


»Es wirft sich gern an bedeutende Figuren,« sagte Goethe;»auch wählt es sich gerne etwas dunkele Zeiten. In einer klaren prosaischen Stadt, wie Berlin, fände es kaum Gelegenheit, sich zu manifestieren.«


Goethe sprach hierdurch aus, was ich selber vor einigen Tagen gedacht hatte, welches mir angenehm war, so wie es immer Freude macht, unsere Gedanken bestätigt zu sehen.


Gestern und diesen Morgen las ich den dritten Band seiner Biographie, wobei es mir war wie bei einer fremden Sprache, wo wir nach gemachten Fortschritten ein Buch wieder lesen, das wir früher zu verstehen glaubten, das aber erst jetzt in seinen kleinsten Teilen und Nuancen uns entgegentritt.»Ihre Biographie ist ein Buch,« sagte ich, »wodurch wir in unserer Kultur uns auf die entschiedenste Weise gefördert sehen.«


»Es sind lauter Resultate meines Lebens,« sagte Goethe, »und die erzählten einzelnen Fakta dienen bloß, um eine allgemeine Beobachtung, eine höhere Wahrheit zu bestätigen.«


»Was Sie unter andern von Basedow erwähnten,« sagte ich,»wie er nämlich zur Erreichung höherer Zwecke die Menschen nötig hat und ihre Gunst erwerben möchte, aber nicht bedenkt, daß er es mit allen verderben muß, wenn er so ohne alle Rücksicht seine abstoßenden religiösen Ansichten äußert und den Menschen dasjenige, woran sie mit Liebe hängen, verdächtig macht - solche und ähnliche Züge erscheinen mir von großer Bedeutung.«


»Ich dächte,« sagte Goethe, »es steckten darin einige Symbole des Menschenlebens. Ich nannte das Buch "Wahrheit und Dichtung"weil es sich durch höhere Tendenzen aus der Region einer niedern Realität erhebt. Jean Paul hat nun, aus Geist des Widerspruchs, "Wahrheit" aus seinem Leben geschrieben. Als ob die Wahrheit aus dem Leben eines solchen Mannes etwas anderes sein könnte, als daß der Autor ein Philister gewesen! Aber die Deutschen wissen nicht leicht, wie sie etwas Ungewohntes zu nehmen haben, und das Höhere geht oft an ihnen vorüber, ohne daß sie es gewahr werden. Ein Faktum unseres Lebens gilt nicht, insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hatte.«
Donnerstag, den 31. März 1831


Zu Tafel beim Prinzen mit Soret und Meyer. Wir redeten über literarische Dinge, und Meyer erzählte uns seine erste Bekanntschaft mit Schiller.»Ich ging«, sagte er, »mit Goethe in dem sogenannten Paradies bei Jena spazieren, wo Schiller uns begegnete und wo wir zuerst miteinander redeten. Er hatte seinen "Don Carlos" noch nicht beendigt; er war eben aus Schwaben zurückgekehrt und schien sehr krank und an den Nerven leidend. Sein Gesicht glich dem Bilde des Gekreuzigten. Goethe dachte, er würde keine vierzehn Tage leben; allein als er zu größerem Behagen kam, erholte er sich wieder und schrieb dann erst alle seine bedeutenden Sachen.«


Meyer erzählte sodann einige Züge von Jean Paul und Schlegel, die er beide in einem Wirtshause zu Heidelberg getroffen, sowie einiges aus seinem Aufenthalte in Italien, heitere Sachen, die uns sehr behagten.


In Meyers Nähe wird es mir immer wohl, welches daher kommen mag, daß er ein in sich abgeschlossenes zufriedenes Wesen ist, das von der Umgebung wenig Notiz nimmt und dagegen sein eigenes behagliches Innere in schicklichen Pausen hervorkehrt. Dabei ist er in allem fundiert, besitzt den höchsten Schatz von Kenntnissen und ein Gedächtnis, dem die entferntesten Dinge gegenwärtig sind, als wären sie gestern geschehen. Er hat ein Übergewicht von Verstand, den man fürchten müßte, wenn er nicht auf der edelsten Kultur ruhte; aber so ist seine stille Gegenwart immer angenehm, immer belehrend.
Freitag, den 1. April 1831


Mit Goethe zu Tisch in mannigfaltigen Gesprächen. Er zeigte mir ein Aquarellgemälde von Herrn von Reutern, einen jungen Bauern darstellend, der auf dem Markt einer kleinen Stadt bei einer Korb- und Deckenverkäuferin steht. Der junge Mensch sieht die vor ihm liegenden Körbe an, während zwei sitzende Frauen und ein dabeistehendes derbes Mädchen den hübschen jungen Menschen mit Wohlgefallen anblicken. Das Bild komponiert so artig, und der Ausdruck der Figuren ist so wahr und naiv, daß man nicht satt wird es zu betrachten.»


Die Aquarellmalerei«, sagte Goethe, »steht in diesem Bilde auf einer sehr hohen Stufe. Nun sagen die einfältigen Menschen, Herr von Reutern habe in der Kunst niemanden etwas zu verdanken, sondern habe alles von sich selber. Als ob der Mensch etwas anderes aus sich selber hätte als die Dummheit und das Ungeschick! Wenn dieser Künstler auch keinen namhaften Meister gehabt, so hat er doch mit trefflichen Meistern verkehrt und hat ihnen und großen Vorgängern und der überall gegenwärtigen Natur das Seinige abgelernt. Die Natur hat ihm ein treffliches Talent gegeben, und Kunst und Natur haben ihn ausgebildet. Er ist vortrefflich und in manchen Dingen einzig, aber man kann nicht sagen, daß er alles von sich selber habe. Von einem durchaus verrückten und fehlerhaften Künstler ließe sich allenfalls sagen, er habe alles von sich selber, allein von einem trefflichen nicht.«


Goethe zeigte mir darauf, von dem selbigen Künstler, einen reich mit Gold und bunten Farben gemalten Rahmen mit einer in der Mitte freigelassenen Stelle zu einer Inschrift. Oben sah man ein Gebäude im gotischen Stil; reiche Arabesken, mit eingeflochtenen Landschaften und häuslichen Szenen, liefen zu beiden Seiten hinab; unten schloß eine anmutige Waldpartie mit dem frischesten Grün und Rasen.


»Herr von Reutern wünscht,« sagte Goethe, »daß ich ihm in die freigelassene Stelle etwas hineinschreibe; allein sein Rahmen ist so prächtig und kunstreich, daß ich mit meiner Handschrift das Bild zu verderben fürchte. Ich habe zu diesem Zweck einige Verse gedichtet und schon gedacht, ob es nicht besser sei, sie durch die Hand eines Schönschreibers eintragen zulassen. Ich wollte es dann eigenhändig unterschreiben. Was sagen Sie dazu, und was raten Sie mir?«


»Wenn ich Herr von Reutern wäre,« sagte ich, »so würde ich unglücklich sein, wenn das Gedicht in einer fremden Handschrift käme, aber glücklich, wenn es von Ihrer eigenen Hand geschrieben wäre. Der Maler hat Kunst genug in der Umgebung entwickelt, in der Schrift braucht keine zu sein, es kommt bloß darauf an, daß sie echt, daß sie die Ihrige sei. Und dann rate ich sogar, es nicht mit lateinischen, sondern mit deutschen Lettern zu schreiben, weil Ihre Hand darin mehr eigentümlichen Charakter hat und es auch besser zu der gotischen Umgebung paßt.«


»Sie mögen recht haben,« sagte Goethe, »und es ist am Ende der kürzeste Weg, daß ich so tue. Vielleicht kommt mir in diesen Tagen ein mutiger Augenblick, daß ich es wage. Wenn ich aber auf das schöne Bild einen Klecks mache,« fügte er lachend hinzu, »so mögt Ihr es verantworten.«»Schreiben Sie nur,« sagte ich, »es wird recht sein, wie es auch werde.«


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