2014-12-31

Goethes Tagebücher: August 1823



1823


14. 08. Marienbad.

Mannigfaltige Sendung an August und Ottilien nach Weimar. Madame Szymanowska und Schwester. Herr Petrilli. Mit ihm mißglückter Versuch der Übersetzung meiner Tabelle. Dr. Heidler. Auf der Terrasse mit Baron Manteuffel. Nachher Major von Wartenberg. John kopierte an der Chronik 93 und 94. Mittag für mich. Einiges geordnet. Zu Madame Milder, welche nicht antraf. Zu Madame Szymanowska, welche in einem benachbarten Hause auf dem Flügel spielte, ein Stück von Hummel, eins von sich und noch zwei andere, ganz herrlich. Mit ihr spazieren gegen die Mühle. Der Regen überfiel uns. Mit Regenschirmen an die Quelle. Abends auf der Terrasse. Sodann im Zimmer. Graf und Gräfin Gorcey. Es wurde gehupft und galoppiert wie immer. Die Gräfin spielte.

15. 08. Marienbad.

Den Kreuzbrunnen gegen Heidlerische Rezepte vertauscht und mich wohl dabei befunden. Briefe vorbereitet. Die Schachtel für Herrn von Struve gepackt. Johnschrieb die Chronik von 90, 91 und 92. Zu Doktor Heidler, wo Madame Milder unvergleichlich sang und uns alle zum Weinen brachte. John fuhr fort die Chronik abzuschreiben. Ich durchsah die Briefkonzepte, auch ein Schreiben des Rat Grüners, bestellte ihn auf Dienstag den 19. Wiederholte den morgendlichen Spaziergang, hinter dem Badehause hinauf. Die Tepler Straße herunter. Fand die sämtlichen Damen. Die Mamas fuhren auf die Terrasse. Ich ging mit den Töchtern hinauf. Abends für mich. NB. War nach Tische beim Grafen St. Leu gewesen.

16. 08. Marienbad.

Die vorliegenden Expeditionen nach und nach abgetan. Madame Szymanowska und Schwester, besuchend und einladend. John zeichnete den Wolfsberg. Gedicht für Madame Szymanowska. Mittag zu Hause. Um 4 Uhr bei Madame Szymanowska, welche köstlich spielte. Die Nachbarin hatte das erst verweigerte schöne Piano herüber gegeben. Die Frauenzimmer waren nicht abgereist. Mancherlei Wunderlichkeiten und Scherze wegen Mißverständnissen und Verirrung. Abends bei Tische, alles ward ausgeglichen. Brillantiertes Glas. Königliche Gabe des Grafen St. Leu.

17. 08. Marienbad.

War gestern die Abschrift bis hervor zu den ersten Jahren fertig geworden. Die Familie bereitete sich zur Reise. Man versammelte sich bei Frühstück und machte vor dem Abschied Plane, sich wieder zu sehen. Deshalb man denn auch fröhlich auseinander ging. Sodann zu Hause. Stadelmann packte fort. Die Gedichte für Madame Szymanowska weiter geführt. Madame Milder kam zum Besuch. Vorbereitungen zur Abreise. Abends mit Frau von Brösigke zum Ferdinands-Brunnen.

26. 08. Karlsbad. 

Früh um 5 Uhr durchaus klarer Himmel wie gestern. Die Sonne ging Punkt sechs Uhr über dem Dreikreuzberg gar herrlich auf. Ich besuchte den Sprudel, wo ich Herrn von Heydebreck fand. Sodann an den Neubrunnen. Unterwegs General Metsch. Am Neubrunnen niemand Bekanntes. Um 7 Uhr schon große Hitze. War von verschiedenen Personen angesprochen, auch von Frau Heilingötter und Tochter; am Mayerschen Laden. Mit der Familie gefrühstückt. Sodann für mich bis halb 2 Uhr. Nachher Almanache und andere kleine Kupfer mit Ulriken. Nach fünfen auf Aich gefahren an der Eger hinauf. Kaffee getrunken. Zurück über den Hammer. Herrlicher Abend. Etwas Cumulus in Nordwest. Auf der Wiese einige Zeit spazieren. Graf Walewski, ingleichen Ujejski, der von Marienbad kam und Notiz von meinen Gedichten für die zwei polnischen Damen hatte. Geniceo, der Dicke, Seltsame und gewissermaßen Geheimnisvolle. Abends Graf Fredro. Beim Abendessen war des neuen Anbaues in Marienbad gedacht worden. Verabredung wegen einer Partie nach Elbogen.

27. 08. Karlsbad.

Um 6 Uhr aufgestanden. Die Sonne ging schon um ein geringes später auf als gestern. Abermals heiterer Tag. Karlsbad hat an Häusern sehr gewonnen. Die Häuser sind nicht nur reinlich abgeputzt, sondern es sind auch wirkliche Paläste entstanden, besonders zu öffentlichen Vergnügungsorten, sowohl in der Stadt als in der Nähe, so daß das Bad übervoll sein und doch die verschiedensten Gesellschaften ihr Unterkommen finden werden. Der Weg nach Aich am rechten Ufer der Eger hinauf ist bei trocknem Wetter ganz leidlich; über den Hammer zurück sehr gut und angenehm. Von der großen Wasserflut sieht man auch gar keine Spur; nur der Brückenbogen beim ersten Eingang liegt noch in Ruinen. Daß dieser zusammenbrach, ist gar kein Wunder; er war so schlecht konstruiert, daß er von irgendeiner drüber gehenden Last hätte zusammenstürzen können. -

Nachmittags bewölkte sich der Himmel bei sehr heißer Atmosphäre. Nachts verzog sich alles wieder. Graf Geniceo gab, auf Ameliens Neckereien, einen Tanztee im Sächsischen Saal, wo man vorher sitzend Tee trank und viele Süßigkeiten genoß. Die guten Tänzerinnen und Tänzer, deren nicht viel waren, kamen nicht vom Platze. Mir entstand bei dieser Gelegenheit das Angenehme, daß ich die bedeutenden, hier sich noch aufhaltenden Personen kennen lernte. Fürst Hohenzollern-Hechingen redete mich an; ingleichen Prinzessin Julie. Mehrere Polen und Polinnen ließen sich mir vorstellen. Ingleichen auch Madame de Gajewska, eine Dichterin. Zu der Schlußpolonaise forderte mich eine polnische Dame zum Tanz auf, den ich mit ihr herumschlich und mir nach und nach beim Damenwechsel die meisten hübschen Kinder in die Hand kamen. Um 10 Uhr Schicht. Beim Abendessen noch lange zusammen.

28. 08. Karlsbad.

Früh aufgestanden. Meist reiner Himmel, wenig Wolken am Horizonte. Man eilte, um 7 Uhr fortfahren zu können. Gegen 9 Uhr kamen wir in Elbogen an. Der Himmel hatte sich überzogen. Eine halbe Stunde mochte die Fahrt heißer gewesen sein. Im Weißen Roß eingekehrt, wo Stadelmann alles gestern bestellt hatte. Großer Spaziergang erst am rechten Ufer der Eger durch die neuen Felsengänge. Bertha mit dem Gestein beschäftigt. Zuletzt sehr warm. Rückkehrend fanden wir Stadelmann und John, die mit dem Dessert angekommen waren. Lieber Brief von meinem Sohn. Glasbecher mit den drei Namen und dem Datum. Die Marienbader Geschichten rekapituliert und andere. Aufs Rathaus, den Meteorstein zu sehen. In die Porzellanfabrik. Erhielt Zwillings-Kristalle. Nach 6 Uhr abgefahren, bei kühler Luft besonders gegen Nordost und am Horizont bedecktem Himmel. Glücklich zurückgekehrt bei einbrechender Nacht. Nakwaski kam, sich beurlaubend, nach Marienbad gehend. Unterhaltung über des Grafen Klebelsbergs Gut, dessen Vater und Gesinnungen. Freundlichster Abschied.

29. 08. Karlsbad.

The Sketch Book of Geoffroy Crayon. London 1821. Brief an meinen Sohn. Bericht an den Grafen Sternberg nach dem Schema. Besuch bei Fürsten Hohenzollern-Sigmaringen. In Mayers Laden. Ferner mit einigen Karlsbadern gesprochen. Mit einigen Polen. Im Laden bei Zimmer. Kam unvermutet Geh. Sekretär Müller, der sich über die heftige Wirkung, welche wenige Becher Sprudel auf ihn ausüben, beklagte und fast die Absicht wegzugehen äußerte. Stadelmann hatte die Kisten bei Frau Heilingötter eröffnet und einiges davon mitgebracht. Die Absicht ist Rat Grünern zu seinem Tauschhandel damit ein Geschenk zu machen. Brief von Herrn Rat Grüner, Glückwunsch zum gestrigen Tage. Mittag zusammen. Zimmer schickte eine Note mit unverschämten Preisen, wie ich sie erwartet hatte. 11 Louisdor verlangte er für 4 Majolikateller, für anderes ebenso unsinnig. Er denkt sich nach seiner Erfahrung die Leute, die zu ihm kommen, vornehm, reich und unwissend. Meyer hatte mir schon davon gesagt. Der Mann hat auch einige schöne Elfenbeine, zu denen der Erbgroßherzog Lust bekam. Gegen Abend gingen wir aus. Gemäßigte Wärme. Auf den Choteckischen Weg hin und wieder. Graf Walewski gesellte sich zu uns. Auf dem Mariannensitze lange verweilt, es gab mancherlei gute, unterrichtende Gespräche. Bei der Rückkehr noch eine zeitlang auf der Wiese. Der Abend war kühl, ohne feucht zu sein. Bei Tische Wirkung der Nachricht von meiner Krankheit in Dresden und auf die Familie. Sonstiges Vertrauen. Präsident von Bülow mit seiner Gemahlin gingen nach Karlsbad; von Heydebreck wollte nach Marienbad zurück, weil dort sein Kind sehr krank geworden sei. Unter uns Geschichten der Marienbader Verhältnisse. Charaktere der Bauherren, Hausherren und Hausfrauen, Mängel und Vorteile der verschiedenen Quartiere; nicht weniger die Geschichten des Aufbauens selbst, welches denn freilich ganz wunderliche Blicke gab in das Innere eines solchen Zustandes. Sketch Book und Schwarzer Zwerg fortgelesen.

31. 08. Karlsbad. 

Später aufgestanden. Einiges am Bericht für Grafen Sternberg. Zum Frühstück. Frau von der Recke ließ sich nach meinem Befinden erkundigen. Sketch Book. Frau von Levetzow erzählte die Geschichte ihres Zusammentreffens mit Frau von Stael in Genf. Abends in der Komödie. Simson, eine Art Melodrama, an und für sich abscheulich; die Vorstellung noch abscheulicher. Nachher auf der Wiese spazieren. Nachts zusammen. Die Jüngeren zeitig zu Bette. Blieb mit Frau von Levetzow und Ulriken in vielfachen Erinnerungen.

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