31.01.2015

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 20.10.1794 (19)






AN GOETHE

Jena, 20. Oktober 1794

Hier mache ich denn also den Anfang, den Tanz der Horen zu beginnen, und sende Ihnen was von meinen Briefen an den Prinzen für das erste Stück bestimmt ist. Ohne Zweifel wird es durch Ihre und meine Beiträge bis auf wenige Blätter voll werden. Vielleicht könnten wir einen kleinen Beitrag von Herdern gleich für das erste Stück erhalten, welches mir gar angenehm wäre. Übrigens ist, wenn gleich keine Mannigfaltigkeit der Autoren, doch Mannigfaltigkeit der Materien genug in dem ersten Stücke, wie Sie finden werden. 

Mein Debüt in den Horen ist zum wenigsten keine Captatio benevolentiae bei dem Publikum. Ich konnte es aber nicht schonender behandeln, und ich bin gewiss, daß Sie in diesem Stücke meiner Meinung sind. Ich wünschte, Sie wären es auch in den übrigen, denn ich muß gestehen, daß meine wahre ernstliche Meinung in diesen Briefen spricht. Ich habe über den politischen Jammer noch nie eine Feder angesetzt, und was ich in diesen Briefen davon sage, geschah bloß, um in alle Ewigkeit nichts mehr davon zu sagen; aber ich glaube, daß das Bekenntnis, das ich darin ablege, nicht ganz überflüssig ist. So verschieden die Werkzeuge auch sind, mit denen Sie und ich die Welt anfassen, und so verschieden die offensiven und defensiven Waffen, die wir führen, so glaube ich doch, daß wir auf einen Hauptpunkt zielen. Sie werden in diesen Briefen Ihr Portrait finden, worunter ich gern Ihren Namen geschrieben hätte, wenn ich es nicht haßte dem Gefühl denkender Leser vorzugreifen. Keiner, dessen Urteil für Sie Wert haben kann, wird es verkennen, denn ich weiß, daß ich es gut gefasst und treffend genug gezeichnet habe.

Es würde mir lieb sein, wenn Sie Zeit fänden, das Manuskript bald zu lesen, und es dann Herdern schickten, den ich präveniren werde; denn es soll ja, nach unsern Statuten, noch in mehrere Hände, ehe es abgeschickt werden kann, und wir wollen doch bald Anstalten zum Abdruck der Horen machen.

Wissen Sie vielleicht schon, daß Engel in Berlin seine Theaterdirektion niedergelegt hat, und jetzt in Schwerin, ganz außer Diensten, lebt? Er hat von jährlich 1500 Rtlrn., die er als Besoldung zog, ganz und gar nichts behalten. Wie ich höre, ist er jetzt sehr fleißig mit seiner Feder, und mir hat er nächstens einen Aufsatz zu schicken versprochen.

Ich habe jetzt wegen des Musenalmanachs, von dem ich Ihnen neulich in W. schon erzählte, mit dem Juden Buchhändler ordentlich contrahirt, und er wird künftige Michaelismesse erscheinen. Auf Ihre Güte, die mich nicht im Stiche lassen wird, zähle ich dabei sehr. Mir ist diese Entreprise, dem Geschäfte nach, eine sehr unbedeutende Vermehrung der Last, aber für meine ökonomischen Zwecke desto glücklicher, weil ich sie auch bei einer schwachen Gesundheit fortführen und dadurch mein Unabhängigkeit sichern kann.

Mit großem Verlangen sehe ich allem entgegen, was Ihr letzter Brief mir verspricht.

Wir alle empfehlen uns Ihrem Andenken bestens.

Schiller.

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