31.01.2015

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller vor dem 19.10.1794 (17)






AN SCHILLER

Weimar, wahrscheinlich vor dem 19. Oktober 1794 (?)

Briefkonzept

Ihr Brief hat mich noch mehr in der Überzeugung bestärkt, die mir unsre Unterredung hinterlassen hatte, daß wir nämlich an wichtigen Gegenständen ein gleiches Interesse haben und daß wir, indem wir von ganz verschiedenen Seiten auf dieselben losgehen, doch bei denselben in gerader Richtung zusammentreffen, und uns darüber zu unsrer wechselseitigen Zufriedenheit unterhalten können.

Der größte Teil Ihres Briefes enthält nicht allein meine Gedanken und Gesinnungen, sondern er entwickelt sie auch auf eine Weise, wie ich es selbst kaum getan hätte. Die Bezeichnung der beiden Wege, die unsre Untersuchung genommen, die Warnung vor der doppelten Gefahr, das von einem Portrait genommene Beispiel, und was zunächst darauf folgt, ist von der Art, daß ich auch selbst Wort und Ausdruck unterschreiben könnte; der Gedanke, daß eine idealische Gestalt an nichts erinnern müsse, scheint mir sehr fruchtbar, und der Versuch, aufzufinden, was sowohl am Gegenstand die Schönheit mindern oder aufheben, als was den Beobachter hindern könne, scheint mir sehr weislich angestellt. Wenn Sie nun aber die anscheinende Ketzereien vorlegen, daß Bestimmtheit sich nicht mit der Schönheit vertrage, ferner daß Freiheit und Bestimmtheit nicht notwendige Bedingungen unsres Wohlgefallens an der Schönheit seien, so muß ich erst abwarten, bis Sie mir diese Rätsel auflösen, ob ich gleich aus dem was zwischen beiden Sätzen inne steht, ohngefähr den Weg erraten kann, den Sie nehmen möchten.

Lassen Sie mich dagegen auf meiner Seite in der Region bleiben, die ich durchsuche und durchforsche, lassen Sie mich, wie ich immer getan, von Skulptur und Malerei besonders ausgehen, um zu fragen, was denn der Künstler zu tun habe, damit, nach seinen vielfältigen einzelnen Bemühungen, der Zuschauer endlich doch das Ganze sehe, und ausrufe: es ist schön!

Da wir beide bekennen, daß wir dasjenige noch nicht wissen, wenigstens noch nicht deutlich und bestimmt wissen, wovon wir uns so eben unterhalten, sondern vielmehr suchen; da wir einer dem andern nachzuhelfen, und ihn zu warnen denkt, wenn er, wie es nur leider gewöhnlich geschieht, zu einseitig werden sollte, so lassen Sie mich vollkommene Kunstwerke gänzlich aus den Augen setzen, lassen Sie uns erst versuchen, wie wir gute Künstler bilden, erwarten, daß sich unter diesen ein Genie finde, das sich selbst unbewußt dabei zu Werke gehe und wie das schönste Kunstprodukt, eben wie ein schönes Naturprodukt, zuletzt nur gleichsam durch ein unaussprechliches Wunder zu entstehen scheine.

Lassen Sie mich, bei meinen Erklärungen, das Wort Kunst brauchen, wenn ich immer gleich nur bildende Kunst, besonders Skulptur und Malerei hierunter verstehe; daß manches auf andere Künste passe, daß manches gemein sein werde, versteht sich von selbst. Noch eins lassen Sie mich erinnern, was sich gewissermaßen von selbst verstehet: daß hier nicht die Rede sei neue und unbekannte oder unerhörte Dinge zu sagen, sondern das Bekannte, das längst Ausgeübte so darzustellen, wie es sich in unsrer Gemütsart sammle.

Indem wir nur vorerst gute Künstler bilden wollen, setzen wir in unsern Schülern ein mäßiges Naturell voraus, ein Auge, das die Gegenstände rein sieht, ein Gemüt, das geneigt sei sie zu lieben, einen mechanischen Trieb der Hand, dasjenige, das das Auge empfängt, gleichsam unmittelbar in irgend einer Materie wieder hinzugeben, und so fragen wir denn: wie wir diese bilden wollen, damit sie im Stand gesetzt würden sich über unsre Erwartung in der Folge selbst auszubilden.

Leonardo da Vinci fängt seine Schrift über die bildende Kunst mit denen sonderbaren Worten an: wenn ein Schüler in der Perspektiv und Anatomie sich perfektioniert hat, so mag er einen Meister aufsuchen.

Lassen Sie mich auf gleiche Weise annehmen, daß unsre Schüler, was sie sehen, schon das auf eine leidliche Weise nachzubilden wissen; lassen Sie uns sodann unsre Schüler in verschiedene Klassen einteilen, und sehen, was wir sie darinnen zu lehren haben; lassen Sie uns streng verfahren, und keinen eine Stufe weiter rücken, bis er es verdient und sich diese Stufe selbst erobert hat. Künstler, die zu schnell und ohne Vorbereitung in das Höhere der Kunst gerückt werden, gleichen den Menschen, die vom Glücke zu schnell erhaben werden: sie wissen sich in ihren Zustand nicht zu finden, können von dem was ihnen zugeeignet wird, selten mehr als einen oberflächlichen Gebrauch machen.

Übersicht aller Brief                                                                                               nächster Brief

Goethe auf meiner Seite

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de