28.02.2015

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 25.06.1798 (473)


AN GOETHE

Jena, den 25. Juni 1798

Ich kann mich noch nicht recht an Ihre längere Entfernung gewöhnen und wünsche nur, daß diese nicht länger dauern möchte, als Sie jetzt meinen.

Die Briefe an Humboldt werden nun wohl eine Verzögerung erleiden, wenigstens auf den Fall, daß wir sie zusammen absenden wollten. Ich will deswegen mit der Mittwochspost schreiben, und ihm vorläufig ein Lebenszeichen und ein Trostwort senden. In ein Detail kann ich mich diesmal nicht einlassen, besonders da ich das Manuskript nicht habe, welches in Ihrer Verwahrung ist.

Die verlangten Gedichte folgen hier.

Auch das Drama folgt zurück; ich habe es gleich gelesen und bin in der Tat geneigt günstiger davon zu denken, als Sie zu denken scheinen. Es erinnert an eine gute Schule, ob es gleich nur ein dilettantisches Produkt ist, und kein Kunsturteil zuläßt. Es zeugt von einer sittlich gebildeten Seele, einem schönen und gemäßigten Sinn und von einer Vertrautheit mit guten Mustern. Wenn es nicht von weiblicher Hand ist, so erinnert es doch an eine gewisse Weiblichkeit der Empfindung, auch in sofern ein Mann diese haben kann. Wenn es von vielen Longueurs und Abschweifungen, auch von einigen, zum Teil schon angestrichenen, gesuchten Redensarten befreit sein wird, und wenn besonders der letzte Monolog, der einen unnatürlichen Sprung enthält, verbessert sein wird, so läßt es sich gewiß mit Interesse lesen.

Wenn ich den Autor wissen darf, so wünsche ich Sie nennten mir ihn.

Auch die Horen folgen hier. Sehen Sie doch die zwei Idyllen darin ein wenig an. Die erste haben Sie schon im Manuskript gelesen und einige Verbesserungen darin angegeben. Diese Verbesserungen hat man darin vorgenommen, und Ihr Rat ist, so weit es sich tun ließ befolgt worden.

Leben Sie recht wohl. Ich habe heute den Wallenstein aus der Hand gelegt und werde nun sehen, ob der lyrische Geist mich anwandelt.

Meine Frau grüßt Sie auf’s beste.

Sch.

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