28.02.2015

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 27.06.1798 (474)


AN SCHILLER

Weimar, den 27. Juni 1798

Zufälligerweise, oder vielmehr weil ich voraussetzte Sie wüßten daß Elpenor von mir sei, sagte ich es nicht ausdrücklich im Briefe, nun ist es mir um so viel lieber, da dieses Produkt ganz rein auf Sie gewirkt hat. Es können ohngefähr sechzehn Jahre sein, daß ich diese beiden Akte schrieb, nahm sie aber bald in Aversion und habe sie seit zehen Jahren gewiß nicht wieder angesehen. Ich freue mich über Ihre Klarheit und Gerechtigkeit, wie so oft schon, also auch in diesem Falle. Sie beschreiben recht eigentlich den Zustand in dem ich mich befinden mochte, und die Ursache warum das Produkt mir zuwider war, läßt sich nun auch denken.

Hierbei zwei kleine Gedichte von Schlegel. Er gibt zu verstehen daß sie als Manuskript anzusehen seien und allenfalls einen Platz im Almanach verdienen dürften. Vielleicht schickt es sich sie aufzunehmen, da wir noch verschiedene Gedichte an bestimmte Personen einrücken wollen.

Über die andern Gedichte, welche gleichfalls beiliegen, suspendiere ich mein Urteil; sie scheinen mir dergestalt auf der Grenze zu stehen, daß ich nicht weiß ob sie sich zur Realität oder Nullität hinüber neigen möchten.

Desto entschiedner ist der Brief den Sie zugleich erhalten, und ein herrliches Muster einer Tollheit außer dem Tollhause. Denn das Kriterium warum man einen solchen Menschen nicht einsperrt, möchte schwer anzugeben sein. Das Einzige was für ihn spricht möchte die Unschädlichkeit sein, und das ist er nicht, sobald er uns näher kommt. Da ich ihn aber nicht einsperren kann, so soll er wenigstens ausgesperrt werden.

Heute kommt unser Herzog. Es wird sich zeigen wie lange er hier bleibt. Nach seiner Abreise bin ich gleich wieder bei Ihnen, wenn ich vorher noch einige Tage in Roßla zugebracht habe, wo ich einiges anordnen muß.

Eine Schrift die mir gestern mitgeteilt wurde kam mir recht gelegen, sie heißt:

Versuch die Gesetze magnetischer Erscheinungen aus Sätzen der 
Naturmetaphysik, mithin a priori zu entwickeln, von C. A. Eschenmayer.
Tübingen, bei Jakob Friedrich Heerbrandt. 1798.

Ich konnte so recht in die Werkstätte des Naturphilosophen und Naturforschers hineinsehen und habe mich in meiner Qualität als Naturschauer wieder auf’s neue bestätigt gefunden. Ich werde die Schrift mitbringen und wir können sie bei’m Aufstellen der Phänomene, von welchen Ihnen der erste Versuch noch in der Hand ist, recht gut brauchen.

Leben Sie recht wohl; ich hoffe auf den Augenblick in dem ich Sie wieder sehen werde.

Noch Eins. Meyer, der schönstens grüßt, ist mehr für den Titel Propyläen als für den Ihrigen. Er meint, man solle sich das Feld ja recht unbestimmt lassen, die Welt wolle es nun einmal so. Es wird darüber noch zu sprechen sein.

G.
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