2015-02-28

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 30.06.1798 (476)


AN SCHILLER

Weimar, den 30. Juni 1798

Ihr Schreiben an Humboldt ist zwar recht schön und gut, doch wird es dem Freunde nicht ganz erquicklich sein, denn es drückt nur allzusehr aus: daß diese Arbeit nicht ganz in unsere gegenwärtigen Umstände eingreifen konnte. Sie haben einen recht wichtigen Punkt berührt: die Schwierigkeit im Praktischen etwas vom Theoretischen zu nutzen. Ich glaube wirklich daß zwischen beiden, sobald man sie getrennt ansieht, kein Verbindungsmittel statt finde, und daß sie nur in sofern verbunden sind, als sie von Haus aus verbunden wirken, welches bei dem Genie von jeder Art statt findet.

Ich stehe gegenwärtig in eben dem Fall mit dem Naturphilosophen, die von oben herunter, und mit den Naturforschern, die von unten hinauf leiten wollen. Ich wenigstens finde mein Heil nur in der Anschauung, die in der Mitte steht. Diese Tage bin ich hierüber auf eigne Gedanken gekommen die ich mitteilen will, sobald wir uns sprechen. Sie sollen, hoff’ ich, besonders regulativ, vorteilhaft sein und Gelegenheit geben das Feld der Physik auf eigne Manier geschwind zu übersehen. Wir wollen ein Kapitel nach dem andern duchgehen.

Mich verlangt recht sehr wieder bei Ihnen zu sein und mich mit solchen Dingen zu beschäftigen die ohne mich nicht existieren würden; bisher habe ich nur getan und veranlaßt was recht gut auch ohne mich hätte werden können.

Die Cautel wegen Schlegels finde ich ganz den Verhältnissen gemäß, wir wollen nun das Weitere abwarten.

Das Beste was mir indessen zu Teil geworden ist, möchte wohl die nähere Motivierung der ersten Gesänge des Tells sein, so wie die klarere Idee wie ich dieses Gedicht in Absicht auf Behandlung und Ton ganz von dem ersten trennen kann, wobei unser Freund Humboldt gelobt werden soll, daß er mir durch die ausführliche Darlegung der Eigenschaften des ersten das weite Feld deutlich gezeigt hat, in welches hinein in das zweite spielen kann. Ich hoffe daß Sie meine Vorsätze billigen werden.

Leben Sie recht wohl und grüßen Ihre liebe Frau. Wahrscheinlich bin ich Mittwoch Abend wieder bei Ihnen.

G.

Hierbei das älteste was mir von Gedichten übrig geblieben ist. Völlig 30 Jahre alt.
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