2015-02-28

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 24.06.1798 (472)


AN SCHILLER 

Weimar, 24. Juni 1798

Sobald ich mich von Jena entferne, werde ich gleich von einer andern Polarität angezogen, die mich denn wieder eine Weile festhält. Ich hatte mehr als eine Veranlassung, nach Weimar zurückzukehren, und bin nun hier, um des Herzogs Ankunft zu erwarten und wieder auf eine Weile verschiedenes zu ordnen und einzulenken; indessen denke ich, daß ich heute über acht Tage wieder bei Ihnen sein werde. Da ich gar nichts bei mir habe, sondern alles in Jena zurückgeblieben so mußte ich mich in meine alten Papiere zurückziehen und habe allerlei gefunden, das wenigstens als Stoff uns zunächst noch dienen kann.

Ich schicke die französische Romanze. es war recht gut, daß ich sie nicht in der Nähe hatte, denn gewisse sehr artige Tournüren hätten mich abgehalten meinen eignen Weg zu gehen. In das andere beiliegende Manuskript mochte ich gar nicht hineinsehen, es mag ein Beispiel eines unglaublichen Vergreifens im Stoffe, und weiß Gott für was noch anders ein warnendes Beispiel sein. Ich bin recht neugierig was Sie diesem unglücklichen Produkte für eine Nativität stellen.

Meine Geschäfte sind in Roßla zu meiner Zufriedenheit abgelaufen, meine Assistenten haben mir Sorge und Nachdenken erspart und ich brauchte nur zuletzt über gewisse Dinge zu entscheiden die bloß vom Willen des Eigentümers abhangen.

Mittwoch oder Donnerstag wird unser Herzog wieder kommen, aber nicht lange verweilen.

Leben Sie recht wohl, und empfangen mich wo möglich mit etwas Lyrischem.

Das zwölfte Stück der Horen habe ich, wie es scheint, noch nicht erhalten, ich bitte darum mit den Botenfrauen. Ich habe von Anfang her noch verschiedene einzelne Stücke, vielleicht können wir uns wechselsweise dadurch einige Exemplare komplettieren, mit denen man, nach dem seligen Hintritt dieser Göttinnen, noch immer jemanden einen Gefallen tut.

Grüßen Sie mir bestens Ihre liebe Frau und befinden sich zum besten in diesen Tagen die, wenn sie gleich nicht die schönsten sind, doch die Vegetation trefflich begünstigen.

Wieland war in Oberroßla sehr munter. Das Landleben macht ihm noch immer viel Freude, doch hat er’s eigentlich noch nicht angetreten. Die Vorbereitungen dazu kommen mir vor wie das Kollegium der Anthropologie, das manchen ehrlichen Kerl schon in die Mühseligkeiten der Medizin gelockt hat. Mich sollen will’s Gott die Wiesen, sie mögen noch so schön grün sein, und die Felder, sie mögen zum besten stehen, nicht auf dieses Meer locken.

Nochmals ein Lebewohl. Mittwochs sage ich wieder einige Worte.

G.
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