27.02.2015

J.H.Voß: "Luise" Dritte Idylle: Der Brautabend (98)






 Ihm antwortete drauf der Alte mit
blühendem Haupthaar:
Herr, nicht trüge ich mit Ehren ein graues
Haar auf der Scheitel,
Wäre mein Herz so verstockt, und nähme
an der Jungfer nicht Anteil,
Welche so tugendsam ist, so
gottesfürchtig und liebreich! 
Fragt nur jeglichen Menschen im Dorf;
ihr sollt euch verwundern,
Was man euch alles erzählt von dem
Jüngferchen! wie sie gefällig
Überall mit den Frohen sich freut, mit
den Traureden trauert;
Dürftige speist und tränkt, den
Nackenden wärmt und bekleidet,
Armen und verwaiste Kinder zur Schule'
anhält und versorgt,
  Mädchen in Handarbeit und Sittigkeit
übt durch Umgang,
Und das Lager der Kranken besucht mit
Trost und Erquickung!
Herr, und den heimlichen Armen, den
kläglichsten! wie sie ihn ausforscht,
Und Barmherzigkeit übt, dass einer nicht
weiß, wo es herkommt!
Kaum dass sie selber es weiß! Vollbrachte
sie eben ein Stückchen, 
Dass die Engel sich freuen; dann geht
sie, mir nichts, dir nichts!
Ebenen Gang, und scheint nur ein
hübsches und lustiges Mägdlein!
Nun der alles vergilt, gelt es ihr
immer und ewig!
Ihr herzlieber Gemahl ist ein christlicher
Mann, der gewisser
   Stets mit Vernunft beiwohnt, nie bitter
ist, noch sie verschüchtert: 
Eine Seele mit ihr! Man wird euchs
morgen schon kundtun,
Ob wir die Heirat im Dorf missbilligen.
Nehmt es nicht übel,
Herr: wir lieben euch sehr, nichts
weniger aber die Tochter!
Also der Greis; und es bebte die Träne
an den grauenden Wimpern.
Ernstvoll nahm er das Glas, und leerte.
Aber die Jungfrau 
Tat, als hörte sie nicht; und gewandt
ihr errötendes Antlitz,
Sprache sie ein albernes Wort zu Amalia,
lachte dann laut auf.
Als sich der Organist mit den Seinigen
jetzt gelabt,
Teilt er die Stimmen umher; und mit
einmal flossen harmonisch
Liebliche Saitentöne, zu
wollustatmender Flöten 
Süssem Gesang, und dem Laute des sanft
einhallenden Waldhorns.
Wie im blumigen Mai, wann die Abende
heiter und schwül sind,
Spät in die Nacht auf den Bänken am
Eingang Männer und Weiber
Lauschen den Zwillingstönen des
Waldhorns, welche vom See her,
Mit dem Geröchel des Sumpfs und
Nachtigallstimmen im Mondschein, 
Nah und entfernt anwehn, dass leise
antwortet der Buchwald:
So voll Anmut klangen auch dort
Wohllaute des Waldhorns,
  Lieblich gedämpft von zweien
tonkundigen Söhnen des Jägers.
Jetzt gällt auch Hoboengetön, gleich
Stimmen der Sänger,
Samt dem ernsten Fagott, von
rauschenden Saiten umjubelt. 
Einzeln darauf erhob sich des Organisten
berühmter
Vielgewanderter Sohn; denn Mannheim,
Wien und Venedig
Hatte er besucht, und dient in der
Schulzischen Kammerkapelle:
Dieser entlockte gemach der
Kremonageige melodisch-
Rieselndes Silbergetön; ihm schlug des
Klaviers Generalbass 
Karls treuherziger Lehrer; und
horchender schwieg die Versammlung,
 Selbst die Genossen der Kunst, wie klar
ihm die Tön und geründet
Rollten unter dem Bogen, wie voll
einschmeichelnder Wehmut.
Alle Weisen des Klangs wetteiferten,
andere mit anderen;
Vielgewandt, tiefströmend ergoss sich der
lebende Wohllaut: 
Donnerte bald, wie, gestürmt vom Orkan
am Gestade die Brandung
Hoch aufbraust, wann das Krachen
gescheiterter Kiel, und der Männer
Jammerndes Angstgeschrei in den grausen
Tumult fern hinstirbt;
Wallte dann, wie ein Bach, der über
geglättete Kiesel
Rinnt durch Blumen und Gras und
Umschattungen, wo sich die Hirtin
 Gerne legt, aufhorchend im lieblichen
Traum dem Gemurmel.
Aber der Pfarrer begann zu des Chors
tonkundigem Meister:
Bravo, mein Herr Gevatter! wir hängen
noch steif an der alten
Kernmusik, und glauben, Musik sei
Sprache des Herzens:
So wie ein edel empfindender Geist, nicht
kundig des Wortes, 
Etwa in hellem Gesang' und
gesangnachahmenden Tönen
Gott anstaunt, und die schöne Natur, in
Liebe und Entzückung
Hinschmilzt, klagt und erschrickt, in
Verzweifelung sinkt, und sich aufhebt.
Auch ist jedem, der fühlt, die
Herzenssprache verständlich:

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