2015-03-31

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 28.02.1805 (987)




 AN GOETHE.

Weimar, 28. Febr. 1805.

Mit wahrem Vergnügen habe ich die Reihe der ästhetischen Rezensionen gelesen, die ihren Urheber nicht verkennen lassen. Wenn Sie sich auch nur Stoß- und Ruckweise zu einem solchen kritischen Spaziergang entschließen können, so werden Sie dadurch die gute Sache überhaupt und das Beste der Jenaischen Zeitung insbesondere nicht wenig befördern. Gerade dieses schöpferische Konstruieren der Werke und der Köpfe und dieses treffende Hinweisen auf die Wirkungspunkte fehlt in allen Kritiken und ist doch das einzige was zu etwas führen kann. Die Rezensionen sind zugleich in einem behaglichen und heitern Ton geschrieben, der sich auf die angenehmste Art mitteilt. Möchten Sie in eben diesem Sinn und Ton Kotzebues Stücke vornehmen; es würde Ihnen nur die Mühe des Diktierens kosten und gewiss zu nicht weniger glücklichen Saillies Anlaß geben als der Nürnbergische Philister mit Bewußtsein ist.

Sonntagsfrühe möchte ich wohl in einer reinen und hochdeutschen Dichtersprache lesen, weil die Mundart, wenigstens beim Lesen, immer etwas störendes hat. Das Gedicht ist ganz vortrefflich und von unwiderstehlichem Reiz.

Ich danke für Winckelmanns Briefe. Die Lektüre kommt mir eben recht, um meine Rekonvaleszenz zu befördern. Es geht noch immer zum Bessern und ich denke nächstens die Luft zu versuchen.

Wollten Sie mir wohl Schlözers Nestor verschaffen oder nur wissen lassen, wo ich ihn bekommen kann.

Fahren Sie fort sich immer mehr zu erheitern und zu stärken. Vielleicht wenn der Wind sich legt, wage ich mich morgen heraus und besuche Sie.

S.

Müllers akademische Vorlesung hat etwas kümmerliches und mageres und verrät den Sand auf dem sie gewachsen. Da dieser Historiograph von Preußen doch schwerlich jemals in den Fall kommen wird, eine Geschichte dieser Monarchie zu schreiben, so hätte er bei dieser ersten und letzten Gelegenheit etwas recht geistreiches und gehaltreiches sagen sollen und können; dann hätte der gute Deutsche ewig bedauert, daß man von einer so vortrefflichen Hand nicht das Ganze erhalten.
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