30.05.2015

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 16.10. 1814 (239)




1814

228. Goethe

Donnerstag, den 13. Spazieren mit Schlosser auf die Brücke, in die Leonhardkirche, wo noch alterthümliche Architektur von Zeiten Karl des Großen befindlich. Zu Demoiselle Serviere, in den Brönnerischen Buchladen, welcher mit viel Geschmack und Eleganz angelegt ist. Zu Herrn Staatsrath Molitor. Zu Herrn von Schellersheim. Es ist der bekannte Deutsche, der sich so lange in Florenz aufhielt und auf geschnittne Steine, Goldmünzen und Antiquitäten von edlem Metall sammelt. Wir sahen eine silberne Statue, nicht gar 3 Zollhoch, aus römischer Zeit, einen Ziegenhirten vorstellend, man kann nichts Artigers sehen. Von den Gemmen bringe ich Abdrücke mit. Bei Frau Brentano-Birkenstock zu Tische. Spazieren gefahren. Herrlicher Sonnenuntergang. Wir fuhren zum Bockenheimer Thor hinaus, über den Gärten rechts herum nach Bornheim. Abends bei Herrn von Hügel. Die Fräulein spielte Händelische Sonaten und Ouvertüren. Am Familien-Tisch, mancherlei Gespräche über Vergangnes und manche gegenwärtige und nächste Verhältnisse.

Freitag, den 14. Zu Herrn von Schellersheim, um die Gemmen und Münzen weiter zu betrachten. Er hat ganz köstliche Dinge, wovon wir die Abdrücke genommen. Dann zu Geh. Rath Willemer. Nur Frau Städel war bei Tische, Schlosser, ich und das junge Ehepaar. Wir waren sehr lustig und blieben lange beisammen, so daß ich von diesem Tage keine weitere Begebenheiten zu erzählen habe.

Sonnabend, den 15. Ging ich zu Frau Stock, wo über die bevorstehenden Feierlichkeiten gesprochen wurde. (1) Dann durch die Stadt, begegnete Riesen, mit dem ich die Anstalten der Gerüste besah, die man zur Illumination aufführt. Vor dem Fahrthor fand ich mich mit Schlosser zusammen; wir fuhren über, zu Herrn Salzwedel, dessen Mineralien-Sammlung wir besahen. Sie enthält köstliche Exemplare, allein die vielen Kriegsstürme haben dem Besitzer die Lust daran verkümmert. Mittags mit der Familie, dann zu Herrn Städel, der uns Zeichnungen wies. Unschätzbare Dinge. Über drei Dutzend Guercin,eins immer besser gedacht und ausgeführt als das andre. Federzeichnungen. Ein Original Mantegna, Rothstein. Von Cambiaso allerliebste Sachen. Einen Julius Roman, der ihn ganz charakterisirt, fast das Wundersamste, was ich von ihm gesehen habe. Vielleicht ists möglich, eine Durchzeichnung davon zu erlangen. Noch andere treffliche Sachen, doch unter falschem Namen.

Zu Madame Brentano. Frauenzimmer-Sitzung wegen der Nationaltracht. Wir empfahlen uns bald, um nicht nach solchen Geheimnissen lüstern zu scheinen. Solltet ihr auch eingeladen werden, euch von außen zu nationalisiren, so bedenkt, daß einige englische Cattune mitkommen, welche, obgleich fremder Stoff, doch gar gut kleiden. Ferner ist auch für Nähnadeln gesorgt, von der größten Brauchbarkeit. Kastanien sind aufgehäuft, daß Karl nicht mehr weiß wo mit hin.

Und so geht es mir fast auch mit allem, was ich gesehen, und mit den vielen Menschen, die mir vorgekommen. Ich wünsche uns nur einen ruhigen Winter, daß ich erzählen und mittheilen kann. Meine Briefe hebt wohl auf, denn seit Heidelberg habe ich mein Calender-Tagebuch ausgesetzt.

Nun muß ich auch von der Schlosserischen Familie erzählen! Die Frau Schöff ist wohl und im Hause immerfort thätig, im Umgang sehr verständig, klug und einsichtig; auch sie hat diese Jahre her unendlich ausgestanden, ihre Ruhe und Gleichmuth ist musterhaft. Der älteste Sohn ist nach Wien (2 )mit seiner Frau. Er reiste denselben Tag, als wir nach Heidelberg gingen, und ist glücklich dort angekommen. Mit Christian komme ich sehr gut zurecht, er ist liebevoll und thätig, kennt die Stadt und die Verhältnisse; dadurch wird er mir sehr nützlich, indem ich mich mit meinem Betragen darnach richten kann. Auch besitzt nicht leicht jemand hier so viel Wissen, so viel Kunstkenntniß und Liebe. Sein guter Wille gegen mich ist vollkommen. Und da jeder Mensch doch in allen Hauptpunkten für sich selbst sorgen muß, so mische ich mich weder in seine innre Angelegenheiten, noch in das, was andre Menschen besonders betrifft. Die allgemeinen Gesellschafts-Verhältnisse sind für mich deßhalb höchst angenehm. Dieses schreibe Sonntags. Ein nächstes Blatt wird die Begebenheiten dieses Tags berichten.

Sonntag, den 16. [Oktober 1814], Frankfurt. 

G.



1. Die am 18. und 19.Oktober stattfinden sollten, anläßlich des Jahrestages der Schlacht bei Leipzig. - Frau Stock, eine Jugendfreundin Goethes, bei der er jetzt, zusammen mit seinem alten Freunde Riese, einmal zu Mittag gegessen hatte (16. Sept.), schrieb am 2. Oktober darüber an Christiane (ungedruckt): »Ihre Gesundheit, meine Beste, brachte ich aus, und er freute sich herzlich mit uns, er eine so gute Frau und ich eine so liebe Freundin zu haben. Wie viel hat er von seiner lieben Mutter - so lieb - so gut und theilnehmend.« -2. F. Schlosser nahm als Vertreter der Stadt Frankfurt am Wiener Kongreß teil.

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