30.05.2015

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 20.10. 1814 (240)




1814

229. Goethe

[Frankfurt, 20. Oktober 1814.]

Sonntag, den 16., besuchte mich Gerning, manches beredend. Sodann ging ich mit Schlosser auf den Katharinen-Thurn. Der Land-Sturm zu Roß und Fuß zog, vom Exercircn, die Gallengasse herein und stellte sich auf der Zeil, Ich bedauerte, daß die gute Mutter nicht auch das von ihrem Fenster aus mit anschaute. Angekündigt war eine Gemälde-Ausstellung zur Auction. Daselbst fanden wir Portraits, in Cassel erbeutet, in Coblenz verkauft, sämmtlich von Gerard (vielleicht dessen nächsten Schülern als Mitwirkern): Napoleon, Josephine, König und Königin von Spanien und Westphalen, alle weiland; aber trefflich gemalt. Besonders Sammt, Seide, Stickerei und Passament über alle Begriffe. Mich besuchte Herr Willms, ehmals unser, jetzt noch Souffleur des hiesigen Theaters. In guten Umständen, sogar Kunstliebhaber und Kupferstichsammler. Zu Herrn Geh. Rath Guaita zu Tische, Meline die Hausfrau, die ganze Familie beisammen. Fröhliche Tafel. Alle sprechen, wie sie denken, und sind gutes Muths. Englische und französische Caricaturen. Später nochmals zu Guaita. Vermehrte Gesellschaft.

Montag, den 17. Um acht Uhr zu Schütz, wo wir die Bilder alter deutscher Kunst, wie sie aus den aufgehobnen Klöstern genommen worden, abermals betrachteten. Freilich konnten wir sie besser schätzen und beurtheilen, nachdem wir die Sammlung in Heidelberg so wohl studirt hatten. Wir beschäftigten uns damit bis gegen zwölf  Uhr, da wir denn zu Brentanos gingen, dort zu speisen. Madame Jordis, welche von Paris zurückgekommen, war auch daselbst. Nach Tische fuhren wir nach Offenbach, wo wir zuerst in dem Metzlerischen Garten eine Strelitzia Reginä mit vielen Blumen blühend fanden, zwar nicht in der ersten Schönheit, doch immer interessant genug, ferner andre bedeutende, wohlerhaltne  Pflanzen. Von da zu Herrn Meyer, seine Sammlung inländischer Vögel zu beschauen, die sehr schön aufgestellt und merkwürdig ist. Dann fuhren wir zurück und gelangten, unter dem Geläute aller Glocken, die das morgende Fest (1) verkündigten, nach Hause. Zu Herrn von Hügel zum Thee.

Die Feierlichkeiten von Dienstag und Mittwoch vermelden euch vorläufig die Zeitungen, sie waren sehr glänzend. Heute, Donnerstag, den 20., gehe nach Hanau und bin Dienstag oder Mittwoch, wills Gott, in Weimar. Ich freue mich sehr, euch wiederzusehen. Es ist der Außenwelt nun genug, wir wollen es nun wieder im Innern versuchen. Lebt wohl und liebt! 

G. (2)





1. siehe vorigen Brief. Feierlichkeiten zur Leipziger Völkerschlacht.-2. Diesem Briefe legte Goethe ein Exemplar der Bekanntmachung des Rates der Stadt Frankfurt über die  genannten Feierlichkeiten bei und fügte auf ihm am Schluß eigenhändig die Bemerkung hinzu: »Dieses so nahestehende Fest hier mit zu feiern, wird mir viel Vergnügen machen. Möge das weimarsche auch fröhlich ausfallen. >G.<

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