2015-05-30

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 06.10. 1814 (236)




1814

225. Goethe

[Heidelberg, 6. (?) Oktober 1814.]

Sonntag früh, den 2., fuhren wir nach Mannheim. Der starke Nordost konnte uns im Fahrhäuschen nichts anhaben und hatte den Himmel ganz rein gefegt. Die schöne Ebne, in der Feme von Gebirgen begrenzt, lag klarest vor uns. Ich fuhr mit Boisseree, dem älteren, und wir gelangten gesprächig zum regelmäßigen Mannheim (1). Zuerst besuchte ich Herrn von Luck, dann Frau von Seckendorf, sah bei Geh. Rath Drais ein schönes Bild. Dann mit Luck in den Schloßgarten, der sehr schöne, freie Ansichten zeigt. Dürre und kalter Wind machten ihn dießmal weniger angenehm. In den Gasthof zu den >Drei Königen< zu Tische, die übrigen Gesellen (2) waren auch angekommen. Gegen Abend zu Herrn von Pfenning, dem Schwiegersohn der Frau von Dalberg, er nahm uns mit ins Schauspiel, wo ein Stück der Frau von Weißenthurn,>Johann von Friedland< (3),uns gewaltig zusetzte. Nach eingenommenen zwei Acten beurlaubten wir uns und fuhren zurück, da wir denn um ein Uhr bei hellem Mondschein glücklich in Heidelberg wieder anlangten.

Montag, den 3., beschauten wir die Zeichnungen des Cölner Doms, es sind deren fast so viele fertig, als zum Werke gehören, und sehr fürtrefflich. Die Probedrücke der radierten sind auch lobenswerth. Vor Tische zu Paulus; die Tochter (4) ist ein gar hübsch Frauenzimmerchen geworden, und scheint noch immer ihre Eigenheiten zu bewahren. Der Sohn (5), klein für sein Alter, ist ein gar muntrer, neckischer Junge. Wir aßen zusammen zu Hause, umgeben von trefflichen Kunstwerken. Ich besuchte Voß in seiner Burg und fand ihn wie gewöhnlich. Am Abend, oder vielmehr zu Nacht, wurden einige Bilder, die es vorzüglich vertragen, bei Erleuchtung angesehen, da man sich denn über das lebhafte Vortreten derselben verwundern mußte. Alsdann wurden allerlei Geschichten erzählt, wie sich manche Zuschauer betragen, da es denn freilich manches zu lachen gibt. Ich ging zeitig zu Bette. Und las erwachend Thibauts kleine Schrift: >Über die Nothwendigkeit eines allgemeinen bürgerlichen Rechts für Deutschlands< Sie läßt, mit großer Sachkenntniß, uns tief in die Übel schauen, ohne sehr die Hoffnung zu beleben, daß sie gehoben werden könnten.

Dienstag, den 4., lockte uns der völlig klare Morgen, bei leidlicher Ostluft, aufs Schloß, wo wir des angenehmsten Spaziergangs bei trefflicher Aussicht genossen. Die Gegend sieht Morgens so rein und frisch und sonntäglich aus, daß man nichts Friedlicheres denken kann. Darauf betrachteten wir zu Hause die Risse vieler Kirchen, die von der Zeit vor Karl dem Großen bis zum Cölner Dom gebaut worden und meist in Cöln und der Nachbarschaft befindlich sind. Einige leider nunmehr abgetragen. Paulus war bei uns zu Tische. Wir besuchten den Botanischen Garten, fanden die Gärtner beschäftigt, ihre Pflanzen vor dem eindringenden Nord zu flüchten, entdeckten einen Kolben Wälsch-Korn durch den Brand wundersam entstellt: die Körner aufgeschwollen, mit schwarzem Pulver gefüllt. Ich bringe dieß seltsame Exemplar in Spiritus mit. Abends zu Hause, unter mannigfachen Gesprächen über Kunst- und Weltgeschichte, auch manches Moralische und Religiöse. - Daß man in Mannheim eurer in Liebe gedacht, (6) will ich nachholen.

Mittwoch, den 5. October. Lockte mich der schönste Sonnenschein früh aufs Schloß, wo ich mich in dem Labyrinth von Ruinen, Terrassen und Garten-Anlagen ergötzte und die heiterste Gegend abermals zu bewundern Gelegenheit hatte. Als ich eben herabsteigen wollte, überraschte mich die Gegenwart des Erbprinzen (7), den ich sodann zu den Merkwürdigkeiten des Schlosses begleitete. Er besuchte darauf die Sammlung der Boisserees und verließ Heidelberg alsbald. Ein großes Diner von Professoren, Civilbeamten und sonstigen Honorationen im Karlsberg, wozu man mich einlud, war sehr anständig und munter; es wurden Gesundheiten genug getrunken, um zuletzt eine allgemeine Munterkeit zu verbreiten. Den Abend brachten wir unter mancherlei Gesprächen hin, und so war auch dieser Tag gut angewendet. -Bemerken muß ich hier, daß Kastanien schon angeschafft worden und, gleich den Stöpseln, in mancherlei Gepäck vertheilt, mit nach Hause geführt werden. Mein Nächstes berichtet mehr vom Künftigen. Dießmal nur noch ein freundliches Andenken.


G.




1. Mit den Worten >und wir< bis »Mannheim«, einem regelrechten Hexameter, spielte Goethe auf Vers 24 des dritten Gesangs von »Hermann und Dorothea« an: »Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.<-2. Die Brüder Boisseree und vielleicht Bertram. -3.Johann Herzog von Finnlands -4. Sophie Caroline. - 5. August Wilhelm, I2jährig, der>Schenke<des >West-östlichen Divans<.-6. Bei v. Lucks, in Erinnerung an Christianes und Augusts Besuch im Jahre 1808 -7. Markgrafen von Baden?

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