31.05.2015

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 11.03. 1815 (243)




1815

231. Goethe

Nichts könnte mir angenehmer zu hören sein, als daß Du Dich wohlbefindest und Dich nach und nach erholst; aber eben deßwegen wünsche ich, daß Du Dich einrichtest, noch einige Zeit drüben zu bleiben. Meinen Katarrh muß ich abwarten, dabei kann mir niemand helfen; aber wer gegenwärtig sein muß, dem wird gerade ein solches Übel lästig und langweilig. Ich führe mein Leben wie immer durch, es geschieht alle Tage etwas. August macht seine Sachen ganz ordentlich, Meyer und Riemer kommen meistens die Abende.

Da Du nun drüben gute Unterhaltung hast und nach dem stürmischen Wetter der letzten Tage guter Zeit entgegen siehst, so seh ich nicht ein, warum Du den Ort verändern willst. Richte Dich ein, daß Du den Montag nach Palmarum wieder hier bist, da läßt sich mancherlei Vorarbeiten und verabreden, ehe die Höchsten Herrschaften kommen. Das wird wieder einen gewaltigen Sturm geben, möge er der letzte dieser Art sein.

Rath Völkel wird heute erwartet, von der Ankunft der Hoheit (1) weiß man noch nichts Gewisses. Durchlaucht Herzog sind auf den 29. hujus angekündigt.

Nun habe ich auch einen Brief von dem Graf Brühl als Königlichem Theater-Intendanten, worin er mir meldet, daß >Epimenides< zur Feier des Jahrestags der Einnahme von Paris gegeben werden solle. Ich habe ihm zu diesem Zweck noch einiges hinzureimen müssen, und so kommt denn dieses langbearbeitete und -verschobene Werk auch endlich zu Stande. (2)

Beiliegenden Brief gib Lenzen mit meinem Dank zurück. Dieser Biedermann findet doch noch immer Gelegenheit, sich einen Spaß zu machen. Die >Proserpina< (3) gibt Knebeln: es ist zwar immer noch die alte, die er kennt, und die neue Musik, so wie die Gebärden können wir mit Worten nicht überliefern.

An Voigt schreibe ich ein Blättchen, das Du ihm übergeben wirst. Sonst wüßte ich nicht viel zu sagen bei dem einfachen Lebenslauf, den wir führen. Der Orient gibt noch immer die meiste Beschäftigung.
(4) 

Und somit lebe wohl, grüße Madame Kirsch  und alle Freunde, vor allen Dingen aber sorge für Erheitrung und Erneurung alter angenehmer Bilder. Danke Herrn Hofrath Stark für seine umständliche und gute Relation.(5) Und so nochmals das beste Lebewohl!

Herzlich theilnehmend und das Beste wünschend

Weimar, den 11. März 1815. 

G.

Auch ist das Nothwendigste nicht vergessen.




Schneller, als man zu hoffen gewagt, hatte Christianes kräftige Natur den ernsten Anfall überwunden; es war anzunehmen, daß eine Badekur in Karlsbad ihre Gesundheit völlig wiederherstellen werde. Und so trat Goethe getrost am 24. Mai seine Sommerreise an, die ihn abermals in die geliebten Main- und Rheingegenden führte. Daß während dieser sonnevollen Reisetage >sich ein Quell gedrängter Lieder ununterbrochen neu gebar<, lassen Goethes Briefe an seine Frau kaum ahnen. Dafür vernehmen wir von Christianes kleinen Erlebnissen mehr, als es während der letzten Jahre der Fall war.




1. Maria Paulowna.-2. >Des Epimenides Erwachen< hatte ursprünglich zur Feier der Rückkehr des Königs Friedrich Wilhelms III. aus Frankreich 1814 in Berlin aufgeführt werden sollen. Jetzt hatte Goethe die dritte Strophe des Schlußchors hinzugefügt.- 3. Ein Exemplar des Textbuches ; die Dichtung war als Melodrama mit Musik von Eberwein vor kurzem in Weimar aufgeführt worden.  -4. Vorarbeiten für die Noten und Abhandlungen zum >Divan<.- 5. Über Christianes Befinden. 

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