31.05.2015

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 26.09.-27.09. 1815 (254)




1815

242. Goethe

[Heidelberg, 26. und 27. September 1815.]

Dein lieber Brief vom 14. ist mir heute, den 26., in Heidelberg geworden. Ich begrüße Dich von Herzen und fahre fort, zu erzählen. Seit meinem Letzten ist mirs durchaus wohl gegangen. Ich blieb in Frankfurt bis den 15. Durchkroch die Stadt und habe viel gesehn und erfahren. Nun zog ich mit Boisseree auf die Mühle, nachdem ich das Krämchen an Dich abgesendet hatte. Nach zwei muntern Tagen zogen wir beide auf Darmstadt, wo ich mich am Museum sehr ergötzte und meinen gnädigsten Herrschaften aufwartete, auch Künstler und gute Leute sah. (1) Am 20. trafen wir zu Mittag in Heidelberg ein. Die Bergstraße war über alle Begriffe schön und herrlich. Die Freunde (2) wurden besucht, das Schloß bestiegen, allerlei vorgenommen, bei Paulus arabisch geschrieben.

Am 22. kamen Willemers und Frau Städel. Voll Wohlwollen und Theilnahme. Sie blieben bis den 26. früh, sahen und besahen sich alles. Die guten Frauen grüßen Dich schönstens, auch Willemer den August. Indessen war ein Brief von Frau von Heygendorf gekommen, die in Mannheim den Großherzog erwartet. Er wäre schon längst hier, aber er macht den Weg jagend. Der Großherzog von Baden ist auch ein großer Jäger, Prinz Christian von Darmstadt ist auch dabei. Wir wollen es ihnen gönnen nach so viel Noth und Leiden. Die Russen gehen in drei Colonnen durch Franken, täglich ziehen sie hier eilig durch. Da sie so geschwind gehen, werden sie bald vorüber sein, worauf ich hoffe, um den Rückweg über Würzburg zu machen. Nach Frankfurt möcht ich nicht wieder. Es ist schwer, sich von so viel Verwandten, Bekannten und Freunden loszumachen; dazu kommen noch so viele Fremde, die man nicht umgehen kann, noch will.

Erinnerst Du Dich des schönen Russen mit Einem Arm ! (3) Er begegnete mir gestern, auf dem Schloß, wir freuten uns beiderseits des Wiedersehns. Er wird durch Weimar kommen. Sodann besuchte mich ein gleichfalls hübscher Junge, der auch schon auf euch guten Eindruck machte: von Bülow. Er kommt von Paris, erzählt die seltsamsten Verworrenheiten von dort. Er fragte thcilnehmend nach Dir; ich gab ihm Gelegenheit, von Ulinen zu reden, welches ihm sehr wohl that. Kieser ist in Paris, hat die Aufsicht über alle preußische Hospitäler und noch andre! Bülow erzählte dieß scherzend. Jener thue doch solche große Thaten nur aus Verzweiflung, (4) meinte er. Bülow ist würklich recht hübsch und angenehm.

So wie auf die Gerbermühle,bei schönen Tagen, so zu den köstlichen Bildern wirst Du hergewünscht. Ich arbeite einen Aufsatz aus über meine Reise, Herr von Stein forderte mich auf. Überall find ich nur Gutes und Liebes; bin überall willkommen, weil ich die Menschen lasse, wie sie sind, niemanden etwas nehme, sondern nur empfange und gebe. Wenn man zu Hause den Menschen so vieles nachsähe, als man auswärts thut, man könnte einen Himmel um sich verbreiten; freilich ist auf der Reise alles vorübergehend, und das Drukkende läßt sich ausweichen.

Deßhalb freu ich mich sehr, daß Du mit Riemers gut stehst; ich wünsche diesen Winter mit ihm das nähere Verhältniß, denn ich bringe viel zu thun mit, bedarf seiner Hülfe und kann ihm helfen. Kräuter kriegt auch vollauf zu thun; diesen grüße.

Zwei Kisten werden ankommen, auch ein Coffre; laßt sie stehn, bis ich komme. Das Kästchen habt ihr längst, ich hoffe, zur Freude. Getrocknetes Obst schickt Frau Schöff Schlosser.

Sage August: Herr von Gerning habe die berühmte Vase, aus orientalischem Alabaster, welche im Kloster Eibingen, als Gefäß von Cana in Galiläa, aufbewahrt wurde, großmüthig spendirt; grüß Hofrath Meyer und sag ihm dasselbe. Übrigens habe noch gar hübsche Alter- und Neuthümer verehrt erhalten.

Nun wüßte nur noch das Wichtigste hinzuzufügen, den Wunsch, daß Du Dich immer mehr herstellen mögest. Dich zu zerstreuen, ist die Hauptsache; sieh immer Leute, und leite Dir und mir manches gute Verhältniß ein. Sobald der Großherzog da war, schreibe ich wieder. Vielleicht folg ich ihm nach Mannheim. Lebe recht wohl und liebe mich. Verlangend, Dich wiederzusehen, die besten Wünsche.

Heidelberg, den 27. September 1815. G.






1. Moller, Primavesi, Münzmeister Fehr, Oberforstrat Becker u.a. - 2. Thibaut, Voß. - 3. G.v.Reutern; er war im April 1814m Weimar gewesen.-4. Kieser hatte auch zu denen gehört, über die Luise Seidler an Pauline Götter am 22. Juni 1813 schrieb: >Mademoiselle Ulrich macht täglich neue Unglückliche; wie viele Herzen hat sie nun geraubt, und immer bleibt sie kalt! Sie ist jetzt aber auch wieder sehr hübsch. <

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