2015-05-31

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Christiane [8. bis] 10. März 1815 (242)




1815

230. Christiane

Jena, den [8. bis] 10. März 1815.

Daß Du Dich nicht wohl befindest, hat mir viele Sorge gemacht; meine Sehnsucht, Dich wiederzusehen, ist groß, daß ich mir fest vorgenommen habe, Montag früh von hier abzureisen, um den Mittag einzutreffen. Auch, hoffe ich, wirst Du Dich gewiß über mich freuen, wie viel froher und heitrer ich jetzt bin, als ich war, da ich abreiste. Es wäre auch ein Wunder, wenn ich es nicht wäre, da die Menschen hier sich alle Mühe geben, meinen Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Bis Dienstag weißt Du, wie es mir ergangen. Heute, als den Mittwoch, war ich zu Voigts (1) zum Thee gebeten, wo ich es wagte hin zu gehen. Und es ist mir recht wohlbekommen; ich nehme mich allenthalben sehr in Acht. Donnerstag waren wir bei die Frau Professor Köthen, auch zum Thee und recht vergnügt, denn sie waren alle sehr artig gegen mich. Man macht mir allenthalben einen Spiel-Tisch, und so vergehet die Zeit, ich weiß nicht wie. Das schöne Wetter hat uns den Rücken gewandt, und wir haben hier den völligen April. Wenn es doch noch bis Montag gehalten hätte! so aber werden wir unsre Spazier-Fahrten einstellen müssen. Soeben bin ich wieder heute Nachmittag bei Knebels eingeladen, und morgen zu Gruners.

Auch habe ich noch eine Bitte um einige (2). Ich hätte recht gut auskommen können, wenn ich nicht so viel Holz hätte kaufen müssen; ich habe schon vor 8 Thaler 12 Groschen gebraucht. Auch muß ich noch die Apotheke bezahlen. Nun kommt auch etwas Erfreuliches, welches mich sehr überraschte. Gestern früh kam der Berg-Rath Lenz zu mir; so heiter und vergnügt habe ich ihn noch nicht gesehen. Auf einmal brachte er mir, mit einem geheimnißvollen Lächlen, das Diplom als Ehrenmitglied der Mineralischen Gesellschaft (3) aus der Tasche. Ich freute mich sehr, setzte ihm eine Bouteille Wein vor, da haben wir Deine Gesundheit getrunken und Dich recht hoch leben lassen. So vergnügt habe ich Lenzen noch niemals gesehen.

Soeben fällt mir bei, daß ich vergessen habe, Karin zu sagen, daß es nach meinen Ofen gesehen werden muß, weil es ein wenig rauchte. Dürfte ich Dich daher bitten, es ihm zu sagen.

Es ist itzo mein einziger Gedanke, Dich wiederzusehen und Dir zu sagen, wie lieb ich Dich habe. Und wie freue ich mich, wenn ich jeden Morgen, wie ich aufwache, Dir danken kann, wie meine Kräfte wieder zugenommen haben. Ich danke auch alle Morgen Gott dafür. Nun lebe wohl und denke mein.

C. v. Goethe.

Die alte Lorsbach ist auch eine liebe Frau, und die Tochter ein liebes Kind.




1. Dem Botaniker F.S.Voigt. - 2. Nicht entziffert: Spetschs (Speziestaler?). - 3. Der von Lenz 1798 gegründeten »Mineralogischen Sozietät«, deren Präsident Goethe seit dem Herbst 1804 war.

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