2015-05-31

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 12.09. 1815 (252)




1815

240. Goethe

Von Dir wieder ein Wort zu vernehmen, war mir sehr erfreulich. Wohl hat uns beide der Sommer übel behandelt, und darin hast Du vollkommen recht, daß man sich durch äußere Gegenstände von der Betrachtung seines innern Zustandes zerstreuen müsse. Die angenehmsten Tage, die ich zubrachte, waren immer die, wo alles so schnell zuging, daß ich nicht an mich denken konnte. Deßhalb mache Dir so viel Bewegung und Veränderung, als Du kannst, in diesen schönen Tagen und denke darauf, wie wir diesen Winter abwechselnd die Tage zubringen. Etwas Musik wäre sehr wünschenswerth, es ist das unschuldigste und angenehmste Bindungsmittel der Gesellschaft. Gegenwärtig bin ich in der Stadt, allein, in Willemers Wohnung, deren unschätzbare Aussicht Du kennst. Von Morgens bis Abends ists unter meinen Fenstern lebendig; Tags laufe in der Stadt herum, Menschen und Sammlungen zu sehen. Frankfurt stickt voll Merkwürdigkeiten.

Seebeck war hier und wohnte mit auf der Mühle, Boisseree ist noch hier, Schlossers sind förderlich und Hebreich. Wie gerne gönnt ich Dir nur vierzehn Tage in dieser unendlich schönen Gegend! Mittags esse ich manchmal im >Schwanen< anvWirths-Tafel, das ist auch in der Messe unterhaltend. Riese ist noch unverändert. Alle suche ich auch zu fördern und alle sind froh und freundlich. Das seiden Zeug ist gekauft, es gefällt jedermann. Manche Kleinigkeit bring ich mit; denke, wem man eine Artigkeit erzeigt? Riemers (1), Madame Kirsch, Kräuter, und wem sonst?

Fritz Stein versäumt zu haben, thut mir leid. Sein Brief ist gar hebreich und verständig. Suche die Mutter und übrige Frauen im Guten zu erhalten. In kleinen und großen Städten, an Hof, wie im Freistaat ist Ruhe und nachgiebige Beharrlichkeit das Einzige, was leidlich durchs Leben bringt. Daß wir in Weimar sind, daß August sich in das Hofwesen so gut findet, ist unschätzbar. Wie sich das alles in diesen Paradies-Gegenden treibt und reibt, ist höchst unerquicklich. Wie sehr wünsche ich, über alles das mit Dir zu sprechen und wenigstens für die nächste Zeit hierüber Maßregeln zu nehmen. Herr und Frau von Mettingh sind hier, ich habe sie aber noch nicht finden können. Hofrath Schweitzer besucht ich. Szen grüßt Augusten vielmal. Wegen meiner Rückkehr sag ich Folgendes: Da es in vielem Betracht so schicklich als räthlich ist, daß ich dem Großherzog unterwegsbegegne, so halte ich mich hier so lange auf, bis er zurückkehrt, und sehe ihn wahrscheinlich in Heidelberg und kehre über Würzburg zurück. Das Nähere erfährst Du. Möge ich euch froh und gesund antreffen! Zu einiger Unterhaltung sende ein Kästchen ab mit dem Postwagen, darin ihr euch vergnüglich theilen werdet.

Gar mancherlei habe ich vorgearbeitet, (2) welches diesen Winter fertig werden soll. Grüße August, Kräuter und die Freunde in der Stadt. Hofrath Meyer sage: daß ich ihn oft vermisse, indem ich Kunstwerke aller Art beschaue. August möge mich den Herrschaften empfehlen! Und nun lebe wohl, meine herzlich Geliebte, und denke auf Unterhaltung für den Winter.

Frankfurt, den 12. September 1815. 

G.



1. Riemer hatte sich inzwischen mit Caroline Ulrich verheiratet.-2. Insbesondere für den Aufsatz >Kunst und Altertum< am Rhein und Mains

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