2015-05-30

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 12.10. 1814 (238)




1814

227. Goethe

[Frankfurt, 12. Oktober 1814.]

Montag, den 10. In Darmstadt. Um acht Uhr aufs Museum, welches im Schlosse errichtet worden. Es hat Herrn Schleiermacher zum Vorsteher, der es gegründet. Es ist merkwürdig wegen der Mannigfaltigkeit seines Inhalts, sowie durch den Werth seiner einzelnen Schätze. Wenn dieser Anlage nach fortgefahren wird, so kann das Schloß zu Darmstadt sich künftig mit dem Schloß von Ambras vergleichen. Herrliche Gyps-Abgüsse hat es vor diesem genannten älteren voraus. Die PallasVelletri sah ich hier zuerst, dann manches Bekannte, sehr schön gegossen, wieder. Einige Basreliefs von dem Tempel der Pallas zu Athen erfreuten mich höchlich. Ein solches Wunderliche muß man mit Augen gesehen haben. Ein Pferdekopf von den Venetianischen - und was müßte man nicht alles registrieren! Von da an möchte wohl aus allen Kunstepochen, bis auf die neuste Zeit, wohl irgend ein Musterstück zu finden sein.

Dienstag, den 11. Wiederholte meinen Besuch auf dem 12. Oktober 1814 Museum und besah mir noch alle vorzüglichen Werke, die ich mir gestern vermerkt hatte. Darauf zu einem Architekten, Möller, der sehr geschickt ist und den Boisserees an ihrem Werke behülflich gewesen. Durch den sonderbarsten Zufall hat dieser den Original-Aufriß des Cölner Doms entdeckt, wodurch jene Arbeit sehr gefördert und genauer bestimmt wird. Ferner besuchte ich Primavesi, der früher die Aussichten von Heidelberg radirte, nun aber Theater-Maler in Darmstadt ist. Hieraufzu Prinz Christian (1), der mich freundlich empfing und mich kurz vor meiner Abreise noch besuchte. Sulpiz Boisseree blieb, und ich fuhr mit Schlosser ab. Ein Schaden am Rad hielt uns in Langen auf, doch kamen wir zur rechten Zeit nach Frankfurt, wo uns Frau Schöff Schlosser gar liebreich empfing. Nach einer heitern Abendtafel gings zu Bette. Überhaupt ist mir nicht leicht etwas so glücklich gelungen als diese Heidelberger Expedition, wovon eine umständliche Relation in euren Händen sein wird: denn dieß ist der fünfte Brief, den ich seit dem 28. September absende.

(Supplement zum Montag.) Bei Hofe war ich zu Tafel, die Großherzogin sehr freundlich und früherer Zeiten eingedenk. Der Großherzog speist nicht mit, weil er am Fuße leidet. Ihm wartete ich in seinem Zimmer auf, wo er sich nach allem, was ihm in Weimar lieb und werth ist, erkundigte. Wenn August Gelegenheit findet, Durchlaucht der Herzogin von den hiesigen Herrschaften, auch von Prinz Christian, das Beste zu sagen, so soll ers nicht versäumen. Auch nach Frau von Wedel und Stein ward gefragt und Herrn von Einsiedel, und mir viele Empfehlungen aufgetragen.

(Nun geht es wieder nach Frankfurt.)

Mittwoch, den 12. Gestern Abend fand ich euren Brief (2). Ihr sagt mir in Eil, daß ihr euch sehr wohl befindet, das ist freilich besser, als wenn ihr mit vielen Worten von einem schlechten Zustand Nachricht gäbet; doch hätte etwas mehr auch nicht geschadet. Heute besucht ich Gerning, dann Frau Melber, Mittag speiste Herr von Buchholtz mit uns. Nach Tische ging ich in eine Kupferstich-Auction und kaufte für einen Kronenthaler sehr schöne Sachen. Abend zu Frau Geheimeräthin Willemer: denn dieser unser würdiger Freund ist nunmehr in forma verheirathet (3). Sie ist so freundlich und gut wie vormals. Er war nicht zu Hause. Mit Schlossern ging ich sodann auf die Brücke und an der Schönen Aussicht hin; und nun bin ich zu Hause, erwartend, was morgen kommen wird. Jetzt lebet wohl. Nächstens erfahrt ihr, wie lange meines Bleibens hier sein wird. Grüßet Wolffs und pflegt ihn aufs beste.


G.



1. Bruder der Herzogin Luise von Weimar.-2. Brief 222-3. Seit dem 27. September.

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