31.05.2015

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Christiane 09.06. 1815 (246)




1815

234. Christiane

Karlsbad, den 9. Juni 1815.

Deinen lieben Brief aus Wiesbaden habe ich noch in Weimar erhalten und mich sehr gefreut über die schnelle Reise. Sonntag, als den 4. d. M., reisten wir früh 6 Uhr von Weimar ab und kamen bei guter Zeit in Kahle an, von da wir den folgenden Morgen früh 5 Uhr wieder abreisten. Der Kutscher führte die Schimmel, und ein freundlicher Kutscher saß auf dem Bock. Um 3 Uhr kamen wir in Schleiz an, aßen schnell, um uns bald zu Bette zu legen. Bis Hof, den 6., ist uns nichts Merkwürdiges begegnet. Es ging wie immer, wir waren müde und legeten uns bald nieder. Allein, wie wir von Hof weg waren und kamen in den Rehauer Wald, so wurden wir sehr angenehm überrascht: es begegneten uns 2 Trotschken, die wir von weitem vor Russen hielten und schon ziemlich verlegen waren; aber wie groß war unser Erstaunen, als es näher kam und wir sahen, daß es unser Groß-Herzog war. Er grüßte uns sehr freundlich; wie er einige Schritte vorbei war, fragte er seine Leute, wer wir wären. Er ließ sogleich halten und stieg aus, um zu meinem Wagen zu kommen. Wie ich es sähe, so stieg ich geschwind aus, um ihm entgegen zu gehen. Er war sehr gnädig und fragte gleich nach Dir, erkundigte sich nach meinem Befinden und wünschte mir Glück zu meiner Cur.(1) Es war ein wunderschöner Russe bei ihm, es mußte ein Fürst sein, er hatte eine Menge Orden, war noch jung und war, was man einen schönen Mann nennen kann. Wir haben ihn den ganzen Weg nicht vergessen können. (2)

Den 7. kamen wir auch glücklich in Franzen-Brunnen an, wo wir nur so viel Zeit hatten, eher es regnete, an den Brunnen zu gehen. Überhaupt haben wir bis hieher viel Glück gehabt, wir haben auf der ganzen Reise auch nicht den geringsten Anstoß gehabt. Den 8., Nachmittag, kamen wir glücklich und wohlbehalten hier an; und der Herr Graf (3), den wir gleich nach einem Logis fragten, sagte uns, daß bei dem Burgemeister auf der Wiese, in der »Schönen Königin« noch das oberste zu haben sei. Wir schickten danach, wurden des Handels einig, die Woche 5 Gulden Sächsisch. Es ist zwar hoch, allein sehr freundlich und hat eine sehr schöne Aussicht. Gestern waren wir sehr mit auspacken beschäftigt. Die Kirschen (4) ist von allem, was sie gesehen hat, sehr bezaubert; besonders hat sie der Sprudel sehr überrascht. Und sie hat noch nicht alles gesehen, die Zeit war zu kurz; sie hat nur ein Stückchen Spaziergang und den Neubrunnen und den Sprudel [gesehen]. Heute früh haben wir Salz genommen und sind beide sehr matt, und wollen sehen, wie uns morgen der Brunnen bekommen wird.

Mir gehet es ganz leidlich. Ich bin heute sehr zufrieden, daß es mir die Reise so gut gegangen hat, und ich glaube, daß es mir sehr nöthig wäre, einmal wieder was zu brauchen. Die Frau von Recke und auch die Herzogin von Curland ist wieder hier. Nun lebe wohl und liebe mich, wie ich Dich liebe, und gedenke mein.

C. v. Goethe.

Bade-Gäste sind 180 hier.






1. Karl August kehrte vom Kongreß aus Wien zurück. Christianes Bericht über diese Begegnung läßt sich aus ihrem Tagebuch vervollständigen: >Er [Karl August] fragte gleich nach Dir. Ich war so bestürzt, daß ich mich versprach und anstatt Wiesbaden Teplitz sagte. Er half mir aber gleich, indem er sagte: er habe gehört, Du seist am Rhein; da fiel es mir erst ein, daß ich mich versprochen hatte.< - 2. Es war der russische Rittmeister v. Tomson; in ihrem Tagebuch gesteht Christiane scherzhaft: daß er >nicht wenig dazu beigetragen hat, meine Verwirrung zu vergrößern<. - 3. Bolza, Besitzer des Gasthofs zum »Goldnen Schild<. - 4. Madame Kirsch, die Reisebegleiterin; Christianes Briefe aus Karlsbad sind zum größten Teil von ihr geschrieben.

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