2015-05-31

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Christiane 19.06. 1815 (247)





1815

235. Christiane

Karlsbad, den 19. Juni 1815.

Deinen lieben Brief habe ich den 15. erhalten, und gleich nach meiner Ankunft habe ich Dir geschrieben; den wirst Du schon erhalten haben. Schreib mir doch auch, wenn Du ihn erhalten hast. Aus Deinem Brief sehe ich, daß es mit den Gewittern ziemlich übereintrifft. Den 7., Abend, als wir in Franzen-Brunnen waren, sahen wir ein schreckliches Gewitter nach Karls-Bad zu ziehen, und [als] wir den 8. hier ankamen, sahen wir schreckliche Verwüstung, denn es war den Abend zuvor ein Wolkenbruch hier niedergegangen, und seit der Zeit hat es alle Tage geregnet, einen mehr, einen weniger. Man muß jeden Augenblick stehlen, wenn man spazieren gehen will; und das ist die Schuld, daß wir bis jetzt noch nicht viel gesehen haben. Bekanntschaften habe ich gar keine, außer Riquets, welche aber schon den Sonntag wieder Weggehen, und Madame Brede, welche von Wien kömmt und in Stuttgart engagirt ist. Sie erkannte mich am Brunnen gleich wieder, ich aber mußte mich besinnen, denn es sind 7 Jahr, daß ich sie in Lauchstädt gesehen habe. Da sähe ich doch, daß mein Gedächtniß gelitten hat. Es sind nun beinahe 14 Tage, daß wir hier sind, und 4 Wochen werde ich wohl noch hier bleiben müssen; denn seit ich hier bin, habe ich einen starken Schnupfen, welches aber Mitterbacher gutheißt. Ich befinde mich doch schon um vieles besser als zu Hause. Die Kirschen macht jede neue Entdeckung glücklich, und in einer solchen Stimmung empfiehlt sie sich Dir. Das Capellchen wird fast jeden Tag besucht; es führt ein schöner Weg auf die Höhe. Wir stiegen hinauf, fanden wieder ein kleines Capellchen; von da kamen wir zu einem Tempel, der mit Gesellschaft angefüllt war. Wir wußten nicht, wo der Weg hin ging, es fing an abwärts zu gehen; wir schritten zu in der Hoffnung, einen Ausweg zu finden. Als wir am Ausweg kamen, stritten wir uns, wo wir waren, bis uns ein Mann den rechten Weg zeigte; es war weit über den Posthof. Auf diese Motion hat uns unser Mittags-Brod vortrefflich geschmeckt. Auch läßt Dich die Frau von Recke, die Herzogin von Curland freundlich grüßen; auch Tiedge empfiehlt sich Dir, auch die starke Hofdame aus Prag, deren Name ich vergessen habe.(1)

Madame Mayer habe ich auch besucht; der alte Müller  hat mich besucht. Überhaupt alles, was Dich hier kennt, fragt nach Dir und bittet um Empfehlung.

Vergangnen Sonnabend Abend waren wir zu einem Picknick im Posthofe eingeladen, es war Ball; alle Equipagen fuhren hinaus. Es sind einige Prinzen hier, doch keine bekannten. (2) Von Wien ist niemand da, auch nicht Ein Bekannter. Im Ganzen ist alles theurer als sonst hier. Wir essen vom Grafen, weil es da am wohlfeilsten ist. Im >Hecht< ist es sehr theuer. Doch daß wir die Gulden eingekauft haben, haben wir wohlgethan, denn je mehr Fremde kommen, je mehr steigt das Papier.

Auch sind wir im Theater gewesen. Es wurde >Der Rehbock< (3) gegeben; das Stück reizte uns nicht sowohl, als die mimischen Vorstellungen, die uns sehr gelobt worden waren, und sie haben uns auch sehr wohl gefallen. Überhaupt finde ich, daß die Gesellschaft [sich] recht gebessert hat, denn Lortzings beide Rollen waren ganz artig besetzt. Man hat mir auch einen Zettel geschickt, den sein Schauspieler selbst brachte.

Daß Dir alles so gut gehet, [ist] die Hauptsache, und ich denke, wir wollen recht frohe Dir alles erzählen. Alle Tage wird, wie wir zu Tische kommen, das erste Glas Wein trinken, Deine Gesundheit getrunken. Wasser und Wein sind unser Bestes, denn das Essen ist mir wieder schlechter vorgekommen. Wenn nur erst das Wetter besser wird, alsdann ist alles gut. Ich bin schon ganz anders als zu Hause, sehe aber ein, daß ich sehr krank war. Ich bin aber auch nur glücklich durch Dich und Deine Liebe, und mir ist nur betrübt, daß es Dir so viel kostet. Doch Du gibst es mir gerne. Nun lebe wohl.

C. v. Goethe.




1. Gräfin Buquoy ?  - 2. Christianes Tagebuch nennt mehrmals die Prinzen Konstantin und Paul von Württemberg. - 3.Lustspiel von Kotzebue.

Übersicht aller Briefe                                                                                                   nächster Brief

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de