31.05.2015

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 31.05.- 07.06. 1815 (245)




1815

233. Goethe

Wiesbaden [31.Mai 1815].

Nun bin ich so ziemlich eingerichtet, ich wohne allerliebst, aber theuer, esse gut und wohlfeil; Wein habe ich von Frankfurt verschrieben und werde mich also in diesen Hauptpuncten bald wohl versorgt finden. Morgens, nach köstlichem Schwalbacher Wasser, bade ich in dem heilsamen Wiesbade; das alles bekommt mir recht gut, und ich kann dabei thätig sein. Neapel rückt vor, so wie Sicilien; diese lustigen Erinnerungen unterhalten mich, ohne die mindeste Anstrengung. Ich habe sie so oft erzählt, daß es Zeit ist, sie auf dem Papier zu befestigen. Oberbergrath Cramer und Bibliothekar Hundeshagen sind freundlich, theilnehmend, hülfreich, wie voriges Jahr. Major von Luck aus Mainz hat mich schon besucht, von niemand weiter habe ich gehört und lebe also in der erwünschtesten Einsamkeit. Des Tages gehe ich zweimal spazieren, die Gegend erscheint herrlicher, je mehr man sie sieht und schätzt.

Es ist das heiterste Wetter, freilich zum Schaden des Land-und Gartenbaues, sie haben in zehn Wochen keinen anhaltenden Regen gehabt. Indessen genießt man schon hier Schotenerbsen, auch ausgelieferte (1); was aber besonders erfreulich ist, wird doch immer der Salmen bleiben, dessen Portion mit trefflicher Gelee man, zu jeder Stunde, für 30 Kreuzer im Cursaal haben kann. Es ist jetzt grade seine rechte Zeit; ich muß mich nur in Acht nehmen, daß ich mich nicht daran überesse. Herzkirschen stehen schon, in großen Körben, an allen Ecken.

Unter den Pflanzen ist mir eine gefüllte Lychtnis vorgekommen, als Gartenschmuck das Schönste, was man sehen kann; auf den Herbst, hoffe ich, soll man uns Pflanzen schicken. Die Rosen blühen vollkommen, die Nachtigallen singen, wie man nur wünscht, und so ist es keine Kunst, sich nach Schiras zu versetzen. Auch sind die neuen Glieder des >Divans< reinlich eingeschaltet und ein frischer Adreßcalender der ganzen Versammlung (2) geschrieben, die sich nunmehr auf hundert beläuft, die Beigänger und kleine Dienerschaft nicht gerechnet.

Und so sind denn die Tage der Reise und des hiesigen Aufenthalts froh und nützlich zugebracht. Die Fortsetzung nächstens.

Sonntag, den 4. Juni.

Nun bin ich volle acht Tage hier, und alles läßt sich sehr gut an. Ich trinke das Weilbacher Schwefelwasser mit Milch, bade täglich und dictire dabei immer fort. Nach der Badeliste sind schon vierhundert Gäste hier, die ich nicht bemerke: der Ort ist groß, sie sind alle wahrhaft krank, und dann komme ich auch weder an öffentliche Tische, noch Orte. Bergrath Cramers bedeutendes Cabinet unterhält mich wie voriges Jahr; schon weiß ich mir die metallreichen Gegenden, bis nach der Grafschaft Mark hin, besser zu vergegenwärtigen, und der Umgang mit diesem biedern, verständigen, unterrichteten Mann ist mir belehrend und erheiternd.

Die hiesige Bibliothek, alle Zeitungen, Staatsblätter und Journale anschaffend, sie in der schönsten Ordnung mittheilend, bewirkt gleichfalls eine für den Fremden sehr günstige Unterhaltung.

Mittwoch, den 7. Juni 1815.

Und nun zum Schlusse einiges! Deinen lieben Brief habe erhalten. Du wirst nun in Karlsbad sein. An Genast schreibe ich. August lassen wir gewähren. Brentanos (3) haben mich freundlichst besucht, Wein zurückgelassen und mich liebevoll eingeladen. Auch hier wird mir das Beste erwiesen. Beuthers Decorationcn läßt mich Geh. [Rath] Pfeiffer nach und nach sehen, wenn das Schauspiel vorbei ist. Von denen Sachen, die Du kennst, sehr schöne. Eingerichtet bin ich zum Besten. Das hoffe ich nun von Dir auch zu hören. Heut über 14 Tage schreib ich wieder. Melde mir, wenn dieser Brief ankommt. Grüße die Geleitende.

G.

Karl macht seine Sachen sehr gut. Heute war Gewitter und Platzregen.

Die Liebe das Beste!




1. Mundartlich für: aus den Schoten herausgelöste.-2. Das am 30.Mai aufgestellte Verzeichnis der Divan-Gedichte.-3. Das Ehepaar Franz und Antonia Brentano.

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