2015-05-31

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Christiane 05.09. 1815 (251)




1815

239. Christiane 

Weimar, den 5. September 1815.

Da ich von Deiner Güte und Liebe so überzeugt bin und in Karlsbad den letzten Brief vom 11 .Juli erhalten habe, wo Du meintest, Du wolltest Anfangs Augusts in Weimar sein, so habe ich seit der Zeit von Tag zu Tag auf einen Brief von Dir gehofft, und so verging mir hier ein Tag still nach dem andern. Den 29. August war Vogelschießen hier, welches ich auch auf einige Stunden besuchte: die Großherzogin, der Erbgroßherzog und alles erkundigte sich, wenn Du kämest; ich konnte ihnen aber keine genügende Antwort geben, da ich es selbst nicht wußte. Und den Zeitungen nach warst Du im Begriff, um dem Verlangen des Großherzogs zu willfahren, nach Baden zu gehen und dann noch der Belagerung von Hüningen beizuwohnen. Daher kommt unser Schweigen.

Ich habe allen Damen meine Visite gemacht, sie waren sehr artig und haben mir alle sehr viele Grüße an Dich aufgetragen; besonders die Frau von Linker, welche sich mit sehr viel Feuer der schönen, angenehmen Stunden in Wiesbaden erinnerte. Die Gräfin Fritsch, Frau von Egloffstein, Fräulein von Baumbach u. a. m. haben mir Gegenvisiten gemacht ; auch Frau von Stein ist einigemal hier gewesen. Und alles lobt unsern August in seinem neuen Stande bei Hof; und es kommt mir selbst vor, als wenn er sich auch recht gut darein fände. Zum Geburtstag des Großherzogs, als den 3.September, hat sich alles in den neuen Uniformen gezeigt, und sie soll Augusten recht gut gestanden haben. Ich habe ihn nicht darin gesehen, denn ich war in Berka, wo es auch recht schön ist und Dich alles herwünscht. So ein Herbsttag, wie wir sie jetzt haben, kann doppelt schön in Berka genossen werden. Doch in Frankfurt mag es nicht minder schön sein. Ich wünsche mich vielmal im Stillen hin; denn da wir uns so lange nicht gesehen haben, ist das Verlangen nach Deiner Nähe um so stärker. Mit meiner Gesundheit geht es leidlich, und daß es noch besser wird, hoffe ich zuversichtlich. Nur sollte man hier mehr Zerstreuung haben; denn meine Anwesenheit in Karlsbad selbst hatte wenig Erfreuliches und Erheiterndes für mich wegen der übeln Witterung; man mußte so ängstlich nach jedem guten Moment haschen. Hier gehe ich alle Tage aus, fahre aus, und so verrinnt die Zeit. Abends habe ich gewöhnlich eine kleine Spielgesellschaft bei mir, oder ich bin zu einer solchen anderswo eingeladen. Nun denk Dir aber auch mein Erstaunen: ich saß ruhig am Fenster und sah von weiten jemand kommen, der Fritz Stein ähnlich sah; es kam aber jemand unterdessen zur Thür herein; und ich ward verhindert, mich von der Wahrheit meiner Muthmaßung zu überzeugen. Ich setzte mich wieder ruhig hin; es klopfte an meine Kammerthür, ich machte auf, und Fritz Stein trat mir entgegen mit den Worten: »Ich bin wie vor alten Zeiten da.« Wir lachten zusammen, und er blieb sehr lang bei mir. Augusten, sagte er, wolle er unter den Cavaliers am Hofe zu erkennen suchen; es war gerade, wie August Dienst hatte. Er schickte mir diesen Brief, der hier folgt, und bat mich sehr, ihn Dir bald zuzustellen. Weiter ist mir nichts Neues, noch Angenehmes hier begegnet. Die Erkennungsscene zwischen August und Stein ist sehr lustig bei Hofe erfolgt.

Nun lebe wohl bis auf Wiedersehen, und grüße alles in Frankfurt, besonders die Schlossers und Willemers. Auf das seidene Zeug freu [ich] mich. 

Deine C. v. Goethe.

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