2015-05-30

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 13. 08. 1814 (231)




1814

220. Goethe 

[Wiesbaden, 13. August 1814.]

Zuvörderst also wirst Du abermals gerühmt, mein liebes Kind, daß Du mich in diese Gegend zu gehen bewogen. Erde, Himmel und Menschen sind anders, alles hat einen heitern Charakter und wird mir täglich wohltätiger. Die Verhältnisse eines Badegastes sind mir nun auch schon deutlicher; ich habe ein sauberes, kühles Quartier (1) bezogen, speise auf dem Zimmer und lebe ganz nach meiner Weise. Unter den hiesigen Angestellten und Geschäftsleuten gibt es bedeutende Männer, ich habe schon mehrere kennen gelernt. Oberbergrath Cramer besitzt ein trefflich Mineralien-Cabinet, das mich schon viele Abende beschäftigt. Das Schwalbacher Wasser, zusammen mit dem hiesigen. Bade, bekommt mir sehr wohl, und so geht ein Tag nach dem ändern hin, vergnüglich, heilsam und nützlich. Riese hat mich besucht, er ist gar treu, gut und verständig. Gerning ist auch hier, spielt aber eine wunderliche Rolle, die mir noch nicht ganz klar ist. Er mischt sich in vieles (2), macht den Unterhändler, Mäkler, Versprecher. Als Dichter, Antiquar, Journalist sucht er auch Einfluß und scheint nirgends Vertrauen zu erregen. Überhaupt scheinen sich die Menschen nicht aneinander zu schließen. In einem Orte, wo man täglich unter ein Dutzend Lustpartien wählen kann, müssen sich Gesellschaften und Familien sehr zerstreuen. Auch das Geschäftsleben hat einen weiteren und lustigern Wirkungskreis. Ich will mir das alles recht ansehen. Der dirigirende Minister (3) und alle oberen Staatsbeamten sind junge Männer, die auch für den Genuß arbeiten und für ihre Thätigkeit einen schönen Spielraum haben. Der Herzog (4) ist in den Siebzigen, nimmt sich vorzüglich des Militärs an, das aus schönen, jungen Leuten besteht. Der hier garnisonirende Theil ist fast gekleidet wie unsre.

Wiesbaden liegt in einem weiten Thal, das vorwärts, nach Süden, von Hügeln, nordwärts von Bergen begränzt wird. Besteigt man die letzteren: so hat man eine unendliche und höchst schöne Aussicht.

(Vorstehendes war geschrieben Sonnabend,
den 13. August. Was mir seit jener Zeit Gutes begegnet,
enthält das nächste Blatt.)

Sonntag, den 14., speiste ich abermals in Bieberich, wo ich wieder gnädige, freundliche Herrschaften, treffliche Tafel und köstliche Weine fand. Montags hatte ich den Einfall, nach Rüdesheim zu gehen, und fuhr mit Bergrath Cramer und Zelter nach Tische ab, durch das übermäßig schöne Rheingau. Wir kamen zeitig genug an, daß wir bei Sonnen-Untergang die alte, von Graf Ingelheim, auf eine gar löbliche Weise, wiederhergestellte römische Ruine besteigen konnten. August mag davon erzählen. Dienstag, den 16., war auf dem jenseitigen Rheinufer große erste Wallfahrt, zu einer, nach dem Kriege, wiederhergestellten Capelle, dem heiligen Rochus gewidmet. Wir setzten über beim heitersten Wetter und fanden auf der Höhe wohl 10000 Menschen, um das Kirchlein sich versammlend. Die Mannigfaltigkeit und Lust dieses Festes (5) ist schriftlich nicht zu beschreiben. Bis Mittag währte das Gedränge. Dann gingen wir nach Bingen hinunter, fuhren im Kahn durchs Bingerloch hin und zurück und ließen uns nach Rüdesheim hinauf ziehen. Nachdem wir trefflich gespeist, fuhren wir nach Elfeld, blieben im Gasthaus zur >Rose<, das unmittelbar auf den Rhein sieht. Morgens regnete es gewaltig, nach so langer Dürre höchst erwünscht. Doch konnten wir abfahren, besuchten Herrn von Geming in Schierstein und waren zur rechten Tafelzeit hier. Abends im Cursaal und sodann Donnerstag, den 18., mit einer großen Gesellschaft auf der Platte, wo es denn lustig zuging. Indessen befleißige ich mich des Badens und Schwalbacher Wassers, und befinde mich sehr wohl.

Riemern danke für die mir mitgetheilten Correspondenz-Nachrichten (6). Ich schreibe nächstens dagegen. August soll sich auf die Versteinerungen freuen. Die aus der Übergangs-Epoche sind sehr wichtig. Grüße Ulinen und sagt mir gelegentlich, wie es euch geht. Meine Absicht ist, bis Anfang September hier zu bleiben. Sendet mir deßhalb spätere Briefe an Schlosser (7). Die Kastanien gerathen nicht reichlich, doch will ich für eine tüchtige Sendung sorgen. Jetzt lebet wohl, grüßet Hofrath Meyer. Zelter ist prächtig und lobt auch die Wirkung des Bades. Adieu.

[Wiesbaden, 19. August 1814.] 

G.





1. Im Gasthof zum >Bären<.-2. Vielleicht Anspielung auf das in Weimar oft aufgeführte Lustspiel von Jünger >Er mischt sich in alles<. - 3. Marschall v. Bieberstein.- 4. Friedrich August von Nassau.5. Von Goethe im >Sankt-Rochus-Fest zu Bingen< geschildert. -6. Auszüge aus den inzwischen für Goethe angekommenen Briefen. -7. Nach Frankfurt.

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