2015-05-31

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Christiane 22.05. 1816 (257)




1816

Unmittelbar nach der Absendung dieses frühlingsfrohen Briefes wurde Christiane von einem ähnlichen Anfall wie 1814 betroffen, von dem sie sich jedoch gleichfalls in kurzer Zeit erholte. Schon unterm 21. Mai vermerkt Goethes Tagebuch: >[Durch] Huschke bessere Nachricht vom Hause<, und am 22. fügt Christiane einem Briefe Augusts folgende Worte hinzu:


245. Christiane

Lieber Geheimerath!

Ich habe Dich um Verzeihung zu bitten, daß ich Deinen gut gemeinten Rath wegen des Aderlasses nicht schleunig genug nachgekommen, wodurch höchst wahrscheinlich ich diesem Unfalle entgangen wäre. Ich danke Gott, daß es so glücklich überstanden ist. Gegenwärtig befinde ich mich ziemlich wohl, der Kopf ist mir sehr leicht, alle Sinne sind frei und heiter, und nirgends ist mehr ein Druck oder betäubende Schwere zu bemerken. Nur die spanische Fliege incommodirt mich noch etwas.

Leb nun wohl und gedenke mein.

Weimar, den 22. Mai 1816.

Champagner ist dießmal in unserm Keller gar nicht zu finden, Ramann hat mir noch keinen geschickt. Wertheimer, 2 Bouteillen, folgen anbei. 

C. v. Goethe.

Das sind die letzten Zeilen, die uns von diesem Briefwechsel erhalten sind. Wenige Tage später, am 29. Mai, verdunkeln sich Christianes >frei und heiter< gewordene Sinne, sie erkrankt bedenklich. Goethe eilt von Jena herbei, nach kurzer Besserung verschlimmert ihr Zustand sich schnell; sorgenvollste Tage und Nächte folgen, auch die Dienstboten erkranken, Goethe selbst wird von einem plötzlichen heftigen Fieberanfall niedergeworfen. Unterm 5. Juni heißt es in seinem Tagebuch: >Den ganzen Tag im Bett zugebracht. Meine Frau in äußerster Gefahr. Die Köchin und Minchen leidlich. Mein Sohn Helfer, Rathgeber, ja einziger haltbarer Punct in dieser Verwirrung<; am 6.: >Gut geschlafen und viel besser. Nahes Ende meiner Frau. Letzter fürchterlicher Kampf ihrer Natur. Sie verschied gegen Mittag. Leere und Todtenstille in und außer mir.<

Zwei Tage später setzt Goethe Freund Zelter von dem Geschehenen in Kenntnis: >Wenn ich Dir, derber, geprüfter Erdensohn, vermelde, daß meine liebe, kleine Frau uns in diesen Tagen verlassen, so weißt Du, was es heißen will.< Der Vereinsamte sucht sich zu sammeln. Er versucht auszusprechen, was er verloren, zögernd schreibt er die trostlosen Worte nieder: »Ich kann weiter keinen Gewinn des Lebens haben, als ihren Verlust zu bedauern«, dann rhythmisch umgebildet:

Du versuchst, o Sonne, vergebens 
Durch die düstren Wolken zu scheinen!
Der ganze Gewinn meines Lebens Ist, 
ihren Verlust zu beweinen.

Bald aber entreißt er sich diesem Zustande dumpfer Verzweiflung; männlich entschlossen wendet er sich wieder dem Leben, der Arbeit zu. Und wie eine heiter-ernste Grabschrift für Christiane empfinden wir jene Verse, die, ihr wahres Wesen aussprechend, jetzt entstanden sein mögen:

Ein rascher Sinn, der keinen Zweifel hegt,
Stets denkt und tut und niemals überlegt,
Ein treues Herz, das, wie empfängt, so gibt,
Genießt und mitteilt, lebt, indem es liebt;
Froh glänzend Auge, Wange frisch und rot,
Nie schön gepriesen, hübsch bis in den Tod.

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