31.05.2015

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Christiane 18.05. 1816 (256)




1816

244. Christiane 

Weimar, den 18.Mai 1816.

Ich freue mich unendlich, daß Dirs gut geht, denn das ist ja unser aller Glück. Daß Du das vorige Mal nicht mehr geschrieben erhalten hast, war nicht meine Schuld; Kräuter, der mich am besten versteht und in meiner Correspondenz der Brauchbarste ist, war an diesem Tage früh weggefahren, und ich sah mich genöthigt, um Dir nur einiges zu schreiben, Franken von der Bibliothek holen zu lassen, mit dem ich nicht so recht fertig werden konnte, daher die wenigen Zeilen. Jetzt aber, da mir Kräuter wieder zur Hand ist, hoff ich, soll es besser fließen.

Die Bestätigung Deines Wohlbefindens aus dem Munde des Canzler Müller hat mich sehr vergnügt. Auch ich befinde mich leidlich; ich benutze jeden Sonnenblick, um in freie Luft zu kommen, die mir so wohl thut. Im Allgemeinen aber ist die gegenwärtige Witterung in unserm Thale nicht die angenehmste, es ist kühl, naß, windig, alles auf einmal.

Dein Garten steht gegenwärtig in seiner größten Pracht, und es macht wirklich verdrüßlich, daß die üble Witterung so wenig im Freien zu sein erlaubt. Die Äpfelbäume blühen in höchster Fülle, es steht Blüthe an Blüthe, die Rabatten vor Deinen Fenstern schmücken die schönsten gefüllten Tulipanen, deren schöne Farben die stolzen Kaiserkronen verdunkeln, und trotz der geringen Wärme und den kühlen Nächten reift doch alles der Vollkommenheit entgegen. Möge Dich die schöne Blüthe in Jena für diese Entbehrung reichlichst entschädigen.

Wäre nur recht viel Neues und Interessantes bei uns vorgefallen, meine Feder sollte nicht ermüden, Dir alles haarklein zu erzählen; so aber fehlt es mir gänzlich an dergleichen, alles geht seinen ruhigen Gang fort, und was ich Dir ja noch würde erzählt haben, das hat mir schon August in seinem Briefe, über dessen Länge Du Dich dießmal freuen wirst, weggenommen.

Nun lebe wohl und vergnügt. 

C. v. Goethe.



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