2015-05-30

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 10.10. 1814 (237)




1814

226. Goethe

[Darmstadt, 10. Oktober 1814.]

Donnerstag, den 6. Octoher. Hatte Boisscrec Copien der Originalrisse der vorzüglichsten Thürme und Kirchenvorderseiten an die Wände gesteckt und ging solche mit mir durch, nach den Jahren und Eigenschaften. Gleichfalls waren, zu diesem Zweck, vielerlei Werke und Kupfer zur Hand, an welchen man den Gang der Kunst gleichfalls beobachten konnte. Dieses lehrreiche Studium beschäftigte uns den ganzen Morgen. Graf Hochberg besuchte mich und trug mir einen Gruß an August auf. Zu Tische waren Herr von Wambolt und Justiz-Rath Martin. Nach Tische stiegen wir durch einen nach dem Rheinthale zu gelegnen Garten des Herrn von Smidts, gelangten bis zu den Riesensteinen, welches herabgestürzte, ungeheure Sandsteinblöcke sind. Sahen einen zwar verhüllten, doch schönen Sonnenuntergang und stiegen herab in das Wohnhaus, welches Frau von Munck gegenwärtig bewohnt, ihr Gemahl ist in Karlsruhe. Sie erinnerte sich sehr freundlich der Gefälligkeit, welche August für sie gehabt, und trug mir Grüße an ihn auf. Abends las ich noch etwas von Thibaut und bewunderte abermals seine Einsichten.

Freitag, den 7. October. Thibauts Arbeit zu Ende gelesen. Mit Boisseree Fortsetzung gestriger architektonischer Betrachtungen. Professor Voß (1) brachte mir die neue Ausgabe des Homers zum Geschenk. Sprach von Griesens Calderon (2). Zu Professor Thibaut, zu Herrn von Reitzenstein, zu Paulus. Zu Tische waren: Kirchenrath Abegg, (3)

Eine Promenade gegen das Karlsthor dauerte nicht lange, ich studirte zu Hause das Gesehne und Gehörte durch. Dann ward beschlossen, Sonntags von hier ab nach Darmstadt zu gehen. Abends saßen wir abermals in den Bilderzimmern beisammen, beleuchteten einen wundersamen Lukas von Leyden, sodann den größeren Hemling, lasen einige Lebensbeschreibungen der Maler und schieden vergnügt. Es ist gerade Zeit, daß ich von hinnen gehe. Fürs erste Mal ist es genug, nun müßte man wieder von vorne zu weiterer Ausführung anfangen.

Sonnabend, den 8. Noch einiges Architektonische. Dann Spaziergang den Necker aufwärts, rechts hinauf zum Wolfsbrunn. Mittag für uns. Dann zu Voß, den ich wegen Beharrlichkeit in seinem Übersetzungswesen bewundern mußte. Zu Paulus, wo eine ganz muntre Zeit verbracht wurde. Zu Hause machte der Frau Amtmann (4), deren Zimmer ich eigentlich bewohne, Besuch, und hörte recht gut und schön Reichardts Compositionen meiner Lieder singen.

Hofrath Thibaut war später noch bei uns zu einigem warmen Bischof, da denn manches durchgesprochen wurde. Ungern nahm man Abschied von den Zimmern, in denen so viele Schätze augenfällig, andre verhüllt stehen. Sie sind in der Gegenwart so vollkommen, daß man wünschen muß, sie immer wieder zu sehen. Einige lästige Besuche waren abgeleitet worden, aber manches Gute wiederholt, und so war diese Epoche abgeschlossen.

Sonntag, den 9. Früh sechs Uhr von Heidelberg beim schönsten Sonnen-Morgen abgefahren. Bei Weinheim war die Gegend köstlich. In Heppenheim frühstückten wir. In Darmstadt kamen wir gerade zu Table d’Hote. Nachher spazierte ich mit Schlosser durch die ebne, staubige Stadt. Mancherlei kam zur Sprache. Abends ward der >Wasserträger< (5)gegeben. Das Orchester ist ganz fürtrefflich, die Sänger gut, das Haus geräumig, die Zuschauer still und aufmerksam. Applaudirt wird wenig.

Und nähere ich mich denn immer wieder meinem Ziel, bald bei euch zu sein. Heute, Montag, den 10., besehe ich hier die Museen, gehe an Hof und gedenke morgen in Frankfurt zu sein, wo ich Nachrichten von euch zu finden hoffe, die ich so lange entbehre. Somit lebet wohl. Das Wetter ist sehr schön, aber kalt; doch ist auf der Reise das trockne am wünschenswerthesten. Lebet wohl!

G.




1. Heinrich, der älteste Sohn des Homer-Übersetzers. - 2. Die Calderon-Übersetzung von J.D.Gries begann jetzt zu erscheinen. -3. Folgt Lücke für die entfallenen Namen.-4. Sartorius, geb. Schmuck; sie war Eigentümerin des Hauses, in dem auch die Brüder Boisseree wohnten.-5. Von Cherubini; Lieblingsoper Goethes, weil nach seiner Ansicht Gegenstand und Musik gleich vollkommen sind.

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