2015-05-30

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 01.10. 1814 (235)




1814

224. Goethe

Heidelberg [1.Oktober 1814].

Mittwoch, den 28. September. Wiederholte Betrachtung der Bilder des Schoreel in Gesellschaft von Johann van Eycks, Heemskerks und Albert Dürers Werken. Sodann ward der große van Eyck, die Anbetung der Könige, mit seinen beiden Flügeln, der Verkündigung und Darstellung im Tempel, zusammen aufgestellt, wozu sie schöne Vorrichtung haben. Diese drei streiten mit einem vierten um den Vorzug, Lukas, der die säugende Mutter Gottes malt. Selbst wenn man sie oft gesehen hat, hält man diese Bilder nicht für möglich. Ich suche mir jetzt den Gang dieser Kunst so gut, als es gehen will, zu vergegenwärtigen; auch bei ihr greift die politische und Kirchengeschichte mächtig ein. Die Besitzer haben die Sache gut studirt und erleichtern die Einsicht auf alle Weise.

Mittags bei Voß mit Paulus, wo es recht vergnüglich herging. Sodann spazieren. Abends bei Frau von Homboldt. Nachts die Geschichte der Meister, die mir bekannt geworden, im Descamps (1) gelesen.

Donnerstag, den 29. September. Byzantinische und Niederländische gräcisirende Bilder. Nach Eyck auf Goldgrund gemalte. Johann van Eycks Altar aus der Ferne gesehen. Quintin Messis. (Miniaturen aus Meßbüchern. Übereinstimmung der älteren Zeiten in sich. Ungeheures Element, das kirchliche, worin unzählige Künstler Unterhalt und Gelegenheit finden. Mosaik, Schnitzwerk, Goldschmieds Arbeit, Fresco, Miniatur-Malerei, Stickerei, Teppiche, Fahnen, alles in ganzen Gilden und Brüderschaften. Traditionen der Art, die Characktere und Geschichten vorzustellen, von denen man erst gar nicht abwich, und auch zuletzt immer das Wesentliche beibehielt.)

Bei Thibaut, in großer Männergesellschaft, sehr munter und vergnügt. Unser freundlicher Wirth trank Augusts Gesundheit mit theilnehmender Liebe. Zu Hause, noch einiges gesehen. Zu Paulus, zu Frau von Humboldt, welche sich zur Abreise anschickte. Herrlicher Mondenschein.

Freitag, den 30. September. Spazierte früh erst über die Brücke und zurück, die Sonne bezwang die Nebel. Durch die Stadt, zum Karlsthor hinaus, den Necker aufwärts im Schatten der Felsen. Es war der herrlichste Herbstmorgen. Ein wunderlicher Mann redete mich an, Namens Loos, ein Arzt, wollte Augusten gekannt haben. Ich erfuhr allerlei von ihm. Dann begegnete mir Paulus, und nun fing es an, heiß zu werden.

Zu Hause wurden wieder die besten Bilder hervorgerufen, nebeneinander gestellt und verglichen.

Mittags speisten wir bei Herrn Minister von Reitzenstein, in sehr angenehmer Gesellschaft; zu Hause discurrirten wir bis gegen Abend. Brachten einige Stunden bei Herrn Domherr von Wambolt zu.

Das Wetter war noch immer schön, obgleich die Hähne schon Morgens gekräht hatten.

Sonnabend, den l. October, bei einem obgleich windigen, doch heitern Morgen auf das Schloß. Die Anlage des Gartens ist einzig reizend, wie die Aussicht heiter und reich. Die Gräben, Terrassen, Wälle so hübsch und reinlich angelegt, daß es mit den alten ruinirten Thürmen, Gebäuden und Epheumauren den gefälligsten Contrast macht.

Dann las ich einiges, betrachtete mehrere Bilder, unter andern des Martin Heemskerk, mit Aufmerksamkeit. Von Cöln und den Niederlanden, und was alles dort noch aufbewahrt ist, ward viel gesprochen. Zu Mittag im Hause, mit denen Herrn von Reitzenstein und Thibaut. Die Bilder, die man bisher einzeln betrachtet, waren nur in den drei Zimmern zusammen aufgehängt. Sie überwiegen alle Pracht, die sich der Reichste geben kann. Heute Abend werden mehrere Freunde Zusammenkommen. Morgen fahren wir nach Mannheim, ich werde vor allem Lucks  besuchen und ins Theater gehen. Davon vernehmt ihr das Weitere. Und nun Adieu. 

G.




1. >Vie des peintres flamands, allemands et hollandaisi (Paris 1753/63)

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