31.05.2015

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 11.07. 1815 (248)




1815

236. Goethe

Deinen lieben Brief vom 19. Juni habe zu rechter Zeit erhalten, den meinigen vom 17. wirst Du auch empfangen haben. Möge Dir es recht wohl gegangen sein! Persönlich habe mich auch recht gut befunden; leider ist mir aber Karl krank geworden, wodurch denn freilich manche Unbequemlichkeit entsprang. Da wir aber einen sehr geschickten Arzt haben, so war die Sorge geringer; ich suchte meine Zeit möglichst zu nutzen, und nun geht alles wieder ganz leidlich und wird nächstens im alten Wege sein. Besuche von Frankfurt hab ich mehrere gehabt. Jetzt ist Christian Schlosser bei mir zu sehr angenehmer und nützlicher Unterhaltung, die, bei immer trübem und kalten Wetter, um so er-
wünschter ist. Einige schöne Tage habe auf dem Lande zugebracht. Sonntags fahre nach Biebrich. Gestern war ich mit Frau von Linker dort. Durch diese habe ich Briefe und Nachrichten von Weimar erhalten, auch ein sehr artiges Täßchen von Granit mit Stahlarbeit, von der Erbprinzeß Hohheit. (1)

Wegen des Treuterischen Hauses ist Vorsehung getroffen. Daß August zum Kammerjunker erhoben worden, weiß ich zu schätzen. Er aber genösse der Ehre noch lieber, wenn auch was klingendes dabei gewesen wäre. Das wird auch kommen.

Kräuter, höre ich, benimmt sich sehr gut, August lobt ihn. Es war nicht anders zu vermuthen. Solch ein Wesen ist mir höchst nöthig.

Ehe Karl krank wurde, habe ich ihm viel dictirt (2) und das Corrigirte abschreiben lassen, daß ich also doch nicht ganz leer nach Hause komme. Wenn wir nur erst wieder zusammen sind, wird sich manches schicken und richten.

Vielleicht ist ein Brief von Dir unterwegs. Wenn Du diesen erhältst, schreibe mir noch einmal, was Du zu thun gedenkst, und dann nicht weiter. Ich denke, noch ein Stückchen Badecur mitzunehmen, in Frankfurt wenige Tage mich herumzucomplimentiren und dann nach Hause zu eilen. Die Menschen sind alle so erstaunend in Agitation, daß ich mich recht wieder zum Koppenfelsischen Giebel sehne.
Brentanos fahren fort, sehr freundlich zu sein, sie haben mir Wein und alles Erfreuliche gesendet und gebracht. Georg (3) hat seine schöne Frau verloren. Er ist nach Ems und wollte mich aufs freundlichste mit sich. Franz und Frau waren schon zweimal hier.

Eine große, stille und laute Freude ist in dieser Gegend wegen des errungenen Siegs. (4) Wäre die Schlacht verloren gegangen, so hätte man die unruhige, unglückliche Nachbarschaft schon wieder auf dem Halse. Unterdessen bedauert jede Familie einen Todten, Verwundeten, Vermißten, Verstummten. Und dieß gibt bei so großem Glück dem Aufenthalt eine traurige Stimmung; auch Blessirte kommen nach und nach. Charpie und Bandagen werden in Massen über den Rhein gesendet. Die vorjährigen Vereine sind wieder in voller Thätigkeit. Und doch ist alles froh, weil man bedenkt, daß diese Übel von dem allergrößten hätten verschlungen werden können.

Nun lebe recht wohl an Deinen böhmischen Felsen. Grüße alles zum schönsten. Namentlich die Herzogin von Curland Durchlaucht, Frau von Recke und Tiedge. Schützens (5) auch, die wohl noch da sind. Deine Gesellschaft zum besten. Schöbe sich nicht so manches dazwischen, was ich nicht wegräumen kann, so wäre ich Anfangs August in Weimar. Schreibe mir, wann Du dort zu sein gedenkst.

Wiesbaden, den 11. Juli 1815.

G.




1. Dieses Geschenk Maria Paulownas war eine Streusandbüchse aus Goethes geliebtem Urgestein. -  2. >Italienische Reise<.3. Brentano.-4. Schlacht bei Waterloo, 18.Juni.- 5. Stephan Schütze nebst Frau.

Übersicht aller Briefe                                                                                                   nächster Brief

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de