2015-05-30

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 23. 09.-27.09. 1814 (234)




1814

223. Goethe 

[Heidelberg, 28.September 1814.]

Sonnabend, den 24. Um sechs Uhr von Frankfurt ab bei einem frischen Nebel, der den Fluß und sodann auch, aufsteigend und sich verbreitend, die Gegend einhüllte. Wir kamen so nach Darmstadt, der Himmel heiterte sich völlig auf, so daß wir die Bergstraße in ihrem ganzen Glanze genossen. Die Nüsse wurden eben abgeschlagen, die Birnen erwarteten ihre Reife. So ging es von Station zu Station ohne Aufenthalt, bis endlich Weinheim und zuletzt Heidelberg erreicht ward. Den Sonnenuntergang sahen wir noch von der Brücke. Bei Boisserees fand ich das lieblichste Quartier, ein großes Zimmer neben der Gemälde-Sammlung. August wird sich des Sickingischen Hauses erinnern auf dem großen Platze, dem Schloß gegenüber. Hinter welchem der Mond bald herauf kam und zu einem freundlichen Abendessen leuchtete. 

Sonntag, den 25. Begann die Betrachtung der alten Meisterwerke des Niederlandes, und da muß man bekennen, daß sie wohl eine Wallfahrt werth sind. Ich wünschte, daß alle Freunde sie sähen; besonders habe ich mir Freund Meyer, zu meinem eignen und der Sache Besten, an die Seite gewünscht. Ich darf nicht anfangen, davon zu reden; (1) so viel sage ich nur, daß die beiden Boisserecs, mit ihrem Freunde Bertram, das große Verdienst des Sammlens und Erhaltens dieser Kostbarkeiten durch genießbare Aufstellung und einsichtige Unterhaltung erhöhen. Sage Hofrath Meyer; gewisse Phrasen bespotte man in diesem Cirkel wie bei uns. Ich besuchte Paulus, Thibaut und Voß, fand alle drei wohl und munter. Gegend Abend erstiegen wir das Schloß, das Thal erschien in aller seiner Pracht, und die Sonne ging herrlich unter. Der Schein hinter den Vogesen her glüht bis in die Nacht. Ich ging zeitig zu Bette.

Montag, 26. Gestern war van Eyck an der Tages-Ordnung, heute sein Schüler Hemling. Um diese zu begreifen, werden auch die Vorgänger in Betracht gezogen, und da tritt ein neues Unbegreifliches ein. Doch läßt sich der Gang dieser Kunst auf Begriffe bringen, die aber umständlich zu entwikkeln sind. Zugleich machten mir Voß, Thibaut und Paulus Gegenbesuch, der sehr angenehm vor jenen Bildern angenommen und begrüßt werden konnte. Mittags aßen wir zusammen, und ein muntrer junger Arzt, Professor Neef, speiste mit uns. Unter andern erzählte man Geschichten von der Juden Lebenslust und ihrer Freigebigkeit gegen den Arzt. Nach Tische Fortsetzung der Bilder-Beschauung und -Verehrung. Frau von Humboldt mit ihrer Familie war angekommen. Ein Spaziergang mit Boisseree und ein Besuch bei Frau von Humboldt schlossen den Tag.

Dienstag, den 27. Man setzte die Betrachtung nachfolgender Meister fort. Johann Schoreel, zeichnet sich aus, er soll der erste gewesen sein, der aus Italien die Vortheile der transalpinischen Kunst herübergebracht. Seine Arbeiten setzen, in ihrer Art, abermals in Erstaunen. Auf ihn folgt Heemskerk, von welchem viele Bilder, dem Heiligen Mauritius gleich, den Meyer in Weimar, copirt von Frau von Helvig, gesehen. Zwischen alle diese setzt sich Lucas von Leyden hinein, gleichsam abgeschlossen für sich; er sondert sich auf eine eigne Art von seinen Zeitgenossen. Alle diese Bilder sind gut erhalten und meist von großem Format. Oft Altarblätter mit beiden Flügeln. Mittag bei Paulus, mit Voß und Familie. Abends Spaziergang, den Necker hinauf und zurück auf die Brücke.
So viel für dießmal. Ich werde fortfahren, mein Tagebuch zu senden. Theile dieses Blatt Hofrath Meyer mit, schönstens grüßend, sowie alle Nächsten und Freunde. 

G.

Raaben fand ich hier, er wird nächstens in Weimar eintreffen.





1. Ausführlich spricht Goethe darüber in seiner Schrift >Kunst und Altertum am Rhein und Main<, Abschnitt >Heidelberg<.

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