29.06.2015

Die Briefe der Frau Rath Goethe: 24.09.1795 An Goethe (234)



234. An Goethe

den 24ten September 1795

Lieber Sohn!

Hier kommt der Juden kram - wünsche damit viel Vergnügen! Auch gratulire zum künftigen neuen Weltbürger - nur ärgert mich daß ich mein Enckelein nicht darf ins Anzeigblättgen setzen laßen - und ein öffendlich Freudenfest anstellen - doch da unter diesem Mond nichts Vollkommenes anzutrefen ist, so tröste ich mich damit, daß mein Häschelhans vergnügt und glücklicher als in einer fatalen Ehe ist - Küße mir deinen Bettschatz und den kleinen Augst - und sage letzterem - daß das Christkindlein Ihm schöne Sachen von der Großmutter bringen soll. Das inliegende an Bethmann Metzler habe sogleich besorgt - Auch von Kappel solst du nachricht haben - schickt Bethmann so lang der Kasten offen ist den Credit brief so komt er mit - sonst schicke ich ihn mit der reitenden post. Hier ist alles auf neue in großer Unruhe - die Kayerlichen retiren sich - die Frantzsosen werden bald wieder bey uns seyn - nun trösten uns zwar die sich noch hir befindende Preußen - und sagen die Francken gingen nur durch - und wir hätten unter ihrer Obhut nicht zu befürchten - müßens eben abwarten - ich bin frölich und gutes Muths - habe mir über den gantzen Krieg noch kein grauhaar wachssen laßen - schaue aus meinem Fenster wie die Östreicher ihre krancken auf Wagen fortbringen - sehe dem Getümmel zu - speiße bey offenem Fenster zu Mittag - besorge meine kleine Wirthschaft - laße mir Abens im Schauspiel was daher tragiren - und singe, freut Euch des Lebens, weil noch das Lämpgen glüht u.s.w. Arbeiten thue ich vor der Hand nicht viel - und wer jetzt einen Brief von mir erhält - kan dick thun - die Witterung ist zu schön -meine Aussicht zu vortreflich - wärest du nicht der Wolfgang - du hättest warten können. Nur einen Augenblick wünschte ich dich jetzt her - vor Getümmel konte ich beynahe nicht fortschreiben - der gantze Roßmarck steht voll Bauern wagen die Stroh und Heu zu Marckte gebracht haben - die Wachtparade der Preußen soll aufziehen es ist auf dem großen platz kein Raum - die Bauern kriegen Prügel u.s.w. Von dem Bockenheimer Thor herein kommen - Wagen mit Betten - die Maintzer flüchten - genug es ist ein Schari wari das Curios anzuhören ist. So eben kommt von Herrn Kappel die Antwort, daß er Burgunder Wein erwartete - so bald er ankomt - will er dir Proben schicken. Lebe wohl! grüße alles was dir lieb ist

von

deiner treuen Mutter 

Goethe.

N. S. mit Verlangen und großem Vergnügen erwarte die Fortsetzung von Willhelm.

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