2015-07-30

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Anfänge Seite 8


Nicht seine Liebe zum heidnischen Altertum machte Goethe zum Heiden, sondern diese Liebe ist die natürliche Folge seiner urheidnischen Naturanlage, welche sich freilich in den Formen der antiken Religiosität heimischer fühlen mußte als in den christlichen. Die Welt selbst, den Menschen, die sinnliche Erscheinung, den Leib als göttliche Urformen zu erleben und zu verehren, das war Goethe angeboren — nicht: die sinnliche Welt und das Menschliche für ein irdisches Jammertal zu halten, welches erst Würde und Wert empfängt dadurch daß es von Gott geschaffen und erlöst wurde.

Konnte sich aber diese heidnische Form der Religion schon beim Knaben Goethe äußern? denn das Selbstgefühl ist nicht identisch mit der Ehrfurcht vor sich selbst . Selbstgefühl heißt daß man sich stark, wertvoll, tüchtig fühlt, sei es mit Hinblick auf sein Tun und Können, sei es im Vergleich zu anderen Geschöpfen. Ehrfurcht vor sich selbst heißt daß man in sich ein Göttliches spürt, etwas gerade das nicht in unserer Gewalt steht, etwas das nicht Ich bin, sondern das Ich ist, etwas Überpersönliches Unerforschliches Undurchdringbares Unbewirkbares, das gleichwohl mit dem Ich gegeben ist. Im heidnischen Altertum fanden schon die Kinder Formen vor, diese Ehrfurcht vor sich selbst auszuüben, zu bezeugen: antike Kinder wurden erzogen im Glauben an die Heiligkeit, an die Göttlichkeit des Leibes. Der junge Goethe, geboren in einem christlichen Haus und christlich, wenigstens mit der Bibel, erzogen, nur mit der Ehrfurcht vor dem dreieinigen Gott, dem Schöpfer Himmels und der Erden, konnte als Knabe also seine religiöse Uranlage, die heidnische Ehrfurcht vor sich selbst noch nicht betätigen, die sein ganzes Leben durchdringt von dem Augenblick ab da seine Frömmigkeit durch die ihn umgebenden Bildungs-und Erziehungsschichten zu sich selber durchgedrungen war, von der Straßburger Zeit ab. Wenn die heidnische Frömmigkeit eine Uranlage Goethes war, wie wird sie sich beim Knaben äußern, da sie nur christliche Formen vorfindet? nur Bibel, Predigt und protestantischen Gottesdienst. Bezeichnend genug auf eine magische, d.h. auf eine relativ heidnische Weise. Der heidnisch religiöse Instinkt des Knaben Goethe ergriff sofort die einzige Möglichkeil sich seinem Gott zu nähern, indem er sich einen sinnlich magischen Kult einrichtete nach katholischem Muster, und zwar nicht um die katholische Kirche nachzuahmen, nicht aus einem primären Vergnügen am sinnlichen Pomp, den man ja wohl auch bei einem lebhaften Knaben voraussetzen dürfte, sondern aus einer ahnungsvollen, heidnisch kindlichen Frömmigkeit heraus, welche Gott nur unter sinnlichen Formen anbeten kann.

So ist die kindliche Kulthandlung zu erklären von der Goethe am Schluß des ersten Buchs von Dichtung und Wahrheit berichtet. Zweierlei ist hier für Goethe wesentlich und das erstemal deutlich angekündigt:

1. sein Trieb zur Anbetung, zur Ehrfurcht überhaupt und zwar in einer, soweit es seine damaligen Umgebungen zuließen, möglichst heidnisch sinnlich sich äußernden Form,

2. sein Drang, Gefühle und Triebe sofort zu betätigen, seine Eindrücke in sinnlichen Ausdruck umzusetzen.

Seine schon sehr eigenartige und spezifische Frömmigkeit in Produktivität, d.h. in Gebilde oder Rede umzusetzen fehlte ihm damals jede Möglichkeit, so setzte er sie in Aktivität um. Den Mythus für seinen Kinderglauben bot ihm ja die Bibel fertig und deutlich, so erschuf und ersann er sich eine eigne Magie dazu . Wo es ihm nicht gegeben war sich in Bildern auszudrücken drückte er sich in Bräuchen aus, wo er nicht durch die Gestalt reden konnte redete er durch den Akt. Goethes Religiosität hat sich freilich später, nachdem sie frei zu ihren eignen Ausdrucksmöglichkeiten durchgedrungen war, nur mythisch, nicht magisch, d. h. durch Bild, nicht durch Brauch, durch Anschauung der Gottheit, nicht durch Einwirkung auf die Gottheit betätigt. Nur als Knabe, da er keinen heidnischen Mythus, sondern nur heidnische Magie zur Äußerung seiner Frömmigkeit vorfand, betätigte sich notgedrungen sein heidnischer Gehalt auf magische Weise, in magischer Form. Später war ihm das Magische, als Vergewaltigung, als Forcierung der Gottheit sogar zuwider, wie er ja im Schlußsatz jener Erzählung seines ersten Opfers andeutet: „Fast möchte man diesen Zufall als eine Warnung betrachten, wie gefährlich es überhaupt sei sich Gott auf dergleichen Wegen nähern zu wollen“, d. h. auf magischen Wegen. Daß Goethe auch in der Religion sich mythisch, und nicht magisch verhielt entspricht nur dem Gesamtcharakter seiner Lebensäußerungen: er war ein produktiver, kein aktiver Mensch, ein Mensch des Werks, nicht der Tat. So war ihm auch in der Religion das Bild Gottes wichtiger als die Aktion wodurch der Mensch zu Gott gelangt.

Eine letzte Ureigenschaft, die allerdings auch noch nicht am Säugling aktuell hervortreten kann, obwohl sie potentiell vorhanden sein muß, ist Goethes Selbstbeobachtungsgabe. Goethe selbst hat sie als einen wesentlichen Zug seines Charakters in Dichtung und Wahrheit bezeichnet und bei einem bedeutenden Anlaß festgehalten. Sie ist denn auch weit seltsamer und weniger zu vermuten gerade bei einem lebhaften und geweckten Kind als die nach außen gewandte Schaulust. Denn die Fähigkeit die Außenwelt zu beobachten ist wohl bei Kindern überhaupt (nicht nur bei genialen) größer und tiefer als bei durchschnittlichen Erwachsenen, weil für Kinder alles neu und erstaunlich ist, für Erwachsene nicht mehr, und das Staunen ist die Mutter der Beobachtung. Wenn auch Goethe schon als Knabe mehr, schärfer und tiefer sah als die meisten Gefährten, so mag dies doch nicht ohne weiteres als eine spezifische, ihn von vornherein unterscheidende Eigenschaft angesprochen werden. Auch haben wir von Goethes spezifischer Beobachtungskraft und Sehart erst zu reden, wenn sie sich in seiner Produktion bezeugt — denn wir haben aus seiner Knabenzeit kein unmittelbares Zeugnis dafür, wohl aber für seine Selbstbeobachtung. Diese setzt übrigens die Aufmerksamkeit auf das Fremde voraus, weil sie zunächst auf dem Vergleichen beruht. Goethe erzählt: „Wir Knaben hatten eine sonntägliche Zusammenkunft wo jeder von ihm selbst verfertigte Verse produzieren sollte, und hier begegnete mir etwas Wunderbares, was mich sehr lange in Unruh setzte. Meine Gedichte, wie sie auch sein mochten, mußte ich immer für die besseren halten. Allein ich bemerkte bald, daß meine Mitwerber, welche sehr lahme Dinge vorbrachten, in dem gleichen Falle waren und sich nicht weniger dünkten, ja was mir noch bedenklicher schien, ein guter obgleich zu solchen Arbeiten völlig unfähiger Knabe, der seine Reime sich vom Hofmeister machen ließ, hielt diese nicht allein für die allerbesten, sondern war völlig überzeugt, er habe sie selbst gemacht. Da ich nun solchen Irrtum und Wahnsinn offenbar vor mir sah, fiel es mir eines Tages aufs Herz, ob ich mich vielleicht selbst in dem Falle befände, ob nicht jene Gedichte wirklich besser seien als die meinigen und ob ich nicht mit Recht jenen Knaben ebenso toll als sie mir Vorkommen möchte. Dies beunruhigte mich sehr und lange Zeit: denn es war mir durchaus unmöglich, ein äußeres Kennzeichen der Wahrheit zu finden.“

Folgendes erscheint nun an diesem Bericht der Vorklang zu Goethes späteren Erlebnissen und Verhaltungsarten. Zunächst: der Ausgangspunkt seiner Selbstbeobachtung. Die Aufmerksamkeit auf das Verhalten anderer weist ihn auf sich zurück: seine Selbstbeobachtung geht nicht hervor aus innerer Unbefriedigung, Hypochondrie, Selbstzerlegung, sondern aus dem Kontakt mit der Umwelt. Er hält sich mit dem natürlichen Kraftgefühl des reich begabten Knaben für den Besten, für den Geschicktesten, aber er kehrt sich nicht selbstspiegelnd nach innen, weil er sein Tun und Lassen als das einzig Wichtige empfände, sondern er rikochettiert an anderen auf sich selbst, er wacht zu sich selbst auf durch das Sehen, nicht durch das Grübeln. Goethes Psychologie, deren Anfänge wir in diesem Bericht besitzen, geht nicht von dem bodenlosen Abgrund des Subjekts aus, sie ist nicht analytisch sondern synthetisch und sie hat immer die Anschauung zur Basis, nicht den Begriff und nicht das Gefühl. Vergleichen wir etwa Augustins, Luthers, Rousseaus, all der Romantiker psychologische Selbstzeugnisse mit dieser Goethischen Selbstbeobachtung! Sie alle halten den Blick stier auf einen Punkt des Innern gerichtet, der ihnen aus äußeren oder inneren Gründen verletzt ist, der weh tut. Sie lernen von sich aus die Seelen anderer zerlegen oder richten, oder sie nehmen die anderen als Sonde, um damit in ihren eigenen Wunden zu bohren: alle christliche, protestantische, rationalistische, psychologistische Selbstbeobachtung zeigt in mannigfachen Nuancen diese Herkunft. Es hängt mit Goethes angebornem Heidentum zu» sammen, daß für ihn die eigne Seele nichts Subjektives, sondern etwas Objektives war, deren Verhalten und Bedingungen er an dem Verhalten und den Bedingungen außer ihm liegender Wesen messen wollte. Somit haben wir hier ein erstes Beispiel der vielberedeten und viel mißverstandenen Goethischen Objektivität —ein Wort das einen doppelten Sinn hat: ästhetisch genommen heißt es Gegenständlichkeit, moralisch genommen heißt es Gerechtigkeit. Daß es nur zwei Seiten derselben Sache sind beweist eben dieser Bericht aus Dichtung und Wahrheit, und wir haben auch ein deutsches Wort dafür, welches zugleich das ästhetische und moralische Wesen dieser Eigenschaft ausdrückt: Sachlichkeit. Indem der Knabe Goethe das was er erlebte zugleich sah, als lebte es ein andrer, indem er schon als Kind sein Subjekt zum Objekt, seinen Zustand zum Gegenstand seiner Betrachtung machte — und zwar mit Hilfe der Außenwelt, die er nur als Gegenstand, nur als Objekt, nur als Gelebtes, nicht als Erlebtes kannte — war er zugleich moralisch objektiv, d.h. gerecht gegen sich selbst, er war Richter über sich selbst, wie er es gegen einen anderen gewesen wäre, er suchte die Bevorzugungen und Trübungen der Eigenliebe auszuscheiden und sich zu werten wie er einen Gleichgültigen gewertet hätte, und er war ästhetisch objektiv, d. h. klar und deutlich gegen sich selbst, er wollte sich anschauen, als stünde er sich gegenüber von außen, mit dem eignen Auge sich rund umfassend. Dies ist bei einem lebhaften und eigensinnigen Kind eine fast unerhörte Helligkeit. Es ist kein Zufall, wenn der Knabe der so schon gegen sich selbst die Augen aufmachte nachher der gerechteste Mann geworden ist, der gerechteste auch gegen sich. Denn was unterscheidet Goethes Gerechtigkeit von der der Weltbeglücker, welche alles verstehen und alles verzeih hen wollen, seine Klarheit über sich selbst von der der Hypochonder und Selbstbeobachter und ichsuchenden Seelenanalytiker? Jene Allerweltsversteher sind tolerant aus einem geheimen Gefühl der eignen Nichtigkeit und aus einer Ahnung daß sie selbst der Toleranz bedürfen, um zu existieren. Sie haben keinen eignen Standpunkt, sondern nehmen den ihres jeweiligen Gegenüber an, d.h. sie versuchen aus deren Ich heraus zu erleben, mit deren Gedanken zu denken, mit deren Maß zu messen: sie kriechen in das Fremde hinein, und meinen es zu verstehen und zu würdigen, wenn sie ihr eigenes Ich aufheben. Sie verwechseln Objektivität mit Relativismus, Sachlichkeit mit Unpersönlichkeit, Gerechtigkeit mit Urteilsenthaltung: kurz, da ihre Gerechtigkeit die Abwesenheit eines Maßstabs bedeutet, so ist sie ein rein negativer Begriff. Die Goethische Gerechtigkeit besteht aber nicht darin daß er sich ausschaltet, sondern als ein Gegebenes hinnimmt und als ein Gegebenes sieht mit seinen Umrissen und Grenzen. Von diesem unerschütterlich gegebenen Ich aus mißt er die Welt, nur daß er dies Ich nicht, wie die meisten Menschen, als ein außerweltlich Willkürliches, sondern als ein Gesetzliches, Verantwortliches und Welthaftes behandelt — als etwas das er nicht nur hat, sondern das er erstens ist und das zweitens Er ist. Nochmals: er sprach zu seinem Selbst nicht nur »das bin ich« sondern auch »das ist Ich.«

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