2015-07-30

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Anfänge Seite 9


Und das unterscheidet seine Klarheit über sich selbst von der der Subjektivisten und Hypochonder. Diese kommen nie dazu, ihr Wesen unter anderen Wesen als ein rundes Ganzes zu sehen, sondern sie verwandeln eher das ganze objektive All in einen Spiegel, in Material ihres ruhelos bewegten Subjekts als daß sie in einem Spiegel sich als Bild, als objektives Dasein erkennten .. und vor allem, sie wühlen immer nach innen, während Goethe bestrebt war sich nach außen darzustellen, vor sich selbst und vor anderen.

Ich fasse zusammen welche Eigenschaften Goethes wir auf Grund frühester Bezeugungen als angeboren, wesentlich und spezifisch aufstellen konnten: den Schönheitssinn, das Selbstgefühl, den Fabuliertrieb, den pädagogischenTrieb, die religiöse Anlage, die Selbstbeobachtung. Damit ist nicht gesagt daß dies die einzigen Uranlagen Goethes waren, es sind nur die welche sich am frühesten als solche bezeugen, die wir am frühesten als solche fassen können. Und zwar sind sie nicht nur bezeugt als vorhanden, es wird uns nicht nur gesagt daß sie da waren, sondern wir haben dafür sinnliche Anschauung, Goethische Gebärden, Haltungen, Handlungen. Und darauf kommt es an: ich werde von jeder Goethischen Anlage die uns im Verlauf seines Lebens begegnet immer erst dann zu reden haben, wenn sie als Wirkung, d.h. bei Goethe: als Produktion oder Handlung hervortritt.. der bloße Bericht dritter, ja Goethes selbst, daß er so und so gewesen sei, daß das und das auf ihn gewirkt habe, geht uns immer erst an, wenn wir in einer bezeichnenden Handlung, Äußerung oder Leistung die Wirkung oder Eigenschaft, deren Vorhandensein uns bezeugt wird, als Wirkung oder Eigenschaft sinnbildlich wahrnehmen. Nichts was in Goethe war, was als in ihm vorhanden oder wirksam bezeugt wird, isverloren gegangen, nichts ist unfruchtbar oder formund ausdruckslos geblieben: früher oder später tritt es als Werk oder wenigstens als Äußerung an ihm selbst hervor. Wir haben daher nirgends nötig uns mit Zeugnissen über Goethe zu begnügen, überall können wir auf Zeugnisse von Goethe selbst zurückgehen. Was später bezeugt wird, oder später in Werk und Geste Goethes seinen Ausdruck findet, muß deswegen nicht notwendig sekundärer sein. Das Zeitlich spätere muß nicht das Seelisch abgeleitetere sein. Das Naturgefühl Goethes tritt erst in seinem 17. Jahr hervor und ist sicher eine seiner primärsten Kräfte. Der Zeitpunkt der eine potentielle Fähigkeit aktuell macht ist Sache des Schicksals: an den Leistungen selbst, nicht an den Umständen ihres Hervortretens ist zu erkennen, ob sie ursprünglich oder abgeleitet, ob sie angeboren oder erworben, Original oder Nachahmung sind. Shakespeare schreibt erst mit etwa 25 Jahren Dramen, aber man wird sein dramatisches Genie nicht abgeleitet nennen können, es ist keine erworbene, es ist eine angeborne Eigenschaft.

Im Leben der schöpferischen Menschen geht erst das Geschaffene, Gestaltgewordene, sinnlich Wirksame, sinnbildlich Deutliche und Deutbare uns etwas an. Dies ist der Grund warum man bei dem Knaben Goethe wohl schon von Ureigenschaften reden darf, aber nicht von Urerlebnissen: denn von Urlebnissen, von primären Erschütterungen seiner Kinderseele hören wir wohl, auch mit näheren Umständen, aber wir sehen weder in einer bezeichnenden Handlung noch in der Produktion etwas davon. Dahin gehört der erste Eindruck den der Tod auf den Knaben gemacht haben muß, als er ihm im eignen Haus entgegentrat und ihm Geschwister raubte. Wir können wohl nach Analogie eigner Kindheitserlebnisse etwas von jenem Urschauer ahnen, aber wie er sich in Goethes Kinderseele vollzog das ist für uns transzendent, denn es ist uns wohl bezeugt daß, aber es hat sich nicht bezeugt wie es war. Wollen wir wissen was der Tod als Urerlebnis für Goethe bedeutet, so haben wir kein früheres sinnbildliches Zeugnis als im Prometheusdrama des Vierundzwanzigjährigen:

Wenn aus dem innerst tiefsten Grunde 
Du ganz erschüttert alles fühlst . . .

Das ist freilich nicht das Urerlebnis einer Kinderseele, und es ist mehr der Schauer des Sterbens als der des Todes darin ausgedrückt: aber trotzdem sind hier noch alle Kindheitstodesschauer mit aufbewahrt und in diese Rhapsodie hineinergossen.

Ein zweites Urerlebnis des Kindes Goethe war der Eindruck den das Erdbeben von Lissabon auf ihn machte. Aber auch davon haben wir nur Bericht, keinen Ausdruck. Seine Nachwirkung mag eingegangen sein in die religiösen Schauer der unbedingten Allmacht Gottes und der Ohnmacht des Menschen gegenüber dem Verhängnis. Goethe selber schildert als Greis den Eindruck durch den nach seinem eignen Zeugnis „die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert wurde“. Das Gefühl das uns in Dichtung und Wahrheit nur berichtet, ja nur angedeutet wird, hat einen unmittelbaren Ausdruck in Goethes Produktion allerdings nicht gefunden. Denn nichts lag ihm ferner als mit der Gottheit oder dem Verhängnis zu hadern und zu rechten: es war in ihm bei allem Titanismus, der den Göttern trotzte im Stolz auf die eigne Kraft, kein zähnefletschender Byronismus, wie er die Götter bekämpft aus Negation, aus Unzufriedenheit mit der Weltregierung. Der Prometheus trotz, der sich den Göttern gegenüber behauptet, schließt keine Kritik der Weltordnung ein, er ist nicht offensiv, sondern defensiv. Und selbst im Grübeln des Faust ist wohl ein Zweifel am Sinn seines Lebens, aber kein Zweifel am Sinn der objektiven Welt, ja Faust leidet gerade daran daß er diesem Sinn der Welt, den er fühlt und in sich selbst darstellen möchte, mit seiner Unzulänglichkeit nicht genügen kann. Auch in dem allumfassenden Faust sehen wir keine Nachwirkung jenes ersten Schauers: des Zweifels.

So war dies wohl ein starkes, aber kein nachhaltiges, vor allem kein Goethes Struktur formierendes Urerlebnis, es sei denn daß man darauf Goethes Nachdenken über die Gottheit als auf den ersten Anstoß zurückfuhren wollte. Aber das ist fast noch mehr gewagt als es müßig ist. Denn was jenes Ereignis in Schwingung setzen konnte nach Goethes eignem Bericht, war das Nachdenken über Sinn und Gerechtigkeit der göttlichen Weltordnung und gerade in dieser Richtung hat sich Goethes Denken niemals bewegt: von abstrakt moralisch teleologischen Spekulationen hielt er sich sein Lebtag fern. Des Weltalls heilige Rätsel zu ergründen, das hieß für ihn die Kräfte begreifen die sich in den Erscheinungen, Geschehnissen, und Zuständen selbst offenbarten und auswirkten. Was aber konnte diesem Streben entgegengesetzter sein als der Versuch hinter die Erscheinungen zu spähen, um ihren Zweck zu entdecken? Weder die Gründe noch die Zwecke, d. h. die menschlichen Erklärungsmittel, lagen Goethe am Herzen, sondern die Phänomene selbst, d. h. die göttlichen Formen und Kräfte, und die stete Metamorphose und Wechselwirkung beider.

So wenig wie vom ersten Zweifel läßt eine charakterformende Nachwirkung sich nachweisen von dem berühmtesten Urerlebnis des Knaben Goethe, seiner ersten Liebe, zu dem Frankfurter Gretchen.

Auch dies haben wir nur als Bericht, nicht als Ausdruck, wenngleich der Bericht darüber eine der zartesten Idyllen in Dichtung und Wahrheit ist. Doch in Dichtung und Wahrheit ist die Geschichte von Goethes erotischem Erwachen der Stoff, nicht der Gehalt der Erzählung (wie man denn überhaupt, wenn man Goethes Autobiographie als Quelle benutzt, ihr gegenüber leicht in den Fehler verfällt, ihren Stoff mit ihrem Gehalt zu verwechsein: ihr Stoff ist die Wechselwirkung zwischen einem genialen Jüngling und den kulturellen Kräften und Zuständen des ausgehenden Rokoko in Deutschland. Ihr Gehalt ist das Weltgefühl eines alten allüberschauenden Weisen, dem alles Vergängliche, d.h. auch sein eigenes Vergangene, nur ein Gleichnis wird . . und alles was der junge Goethe als Urerlebnis durchmachte ist für den alten Goethe ein Bildungserlebnis — so daß bei diesem Werk beinah das Umgekehrte statt hat wie bei seinen anderen symbolischen Werken: er stellt hier ein Bildungserlebnis, die Erinnerung an seine Jugend, dar am Stoff eines Urerlebnisses, eben dieser Jugend selbst.) Gerade darum ist seine Schilderung des Gretchenerlebnisses in Dichtung und Wahrheit nicht der Ausdruck dieses Erlebnisses, sondern der Ausdruck der Erinnerung daran . Einen dichterischen unmittelbaren Ausdruck besitzen wir davon nicht, wie etwa beim Werther. In diesem Fall wird uns der Unterschied klar zwischen dem unmittelbaren Ausdruck des Schauers, und der spiegelnden Erinnerung an den vergangenen. Denn die Wetzlarer Liebe besitzen wir als Ausdruck, im Werther, und als Bericht, in Dichtung und Wahrheit. Die Gedichte die der Knabe an oder für seine erste Geliebte machte sind uns verloren: sie würden uns, mehr noch als die ersten Leipziger Lieder, zeigen daß sein Erlebnis noch nicht zu eigner Ausdrucksform gelangt war, sondern sich in den starr gewordnen, von der damaligen Bildung überlieferten Formeln verfing: d.h. sein erstes Liebeserlebnis war entweder noch nicht stark genug um die Konventionen der Bildung zu sprengen innerhalb deren es vorging, oder es war noch nicht eigen, noch nicht spezifisch, noch nicht Goethisch genug um eines eigenen Ausdrucks zu bedürfen. Es war ein typisches Knabenerlebnis, noch kein Goethisches.

Gerade weil die Liebe, und zwar die dichterisch bildnerische Liebe, das tiefste und innerste Feuer Goethes ist, so braucht es länger, um in seiner Reinheit durchzuschlagen, um durch die vorgelagerten, d. h. den Einwirkungen der Umwelt näheren, zugänglicheren Schichten hindurchzudringen. Dies Herz redet später seine eigne Sprache als die Haut, die Sinne sind rascher geweckt als die Seele. Und andererseits wird am raschsten und leichtesten von der Umwelt geschmeidigt, beeinflußt, gebildet, erregt, gefärbt was ihr am nächsten ist, nämlich das Oberflächlichste, Vorderste. Der Durchbruch des Herzens zur eignen Sprache, oder die Durchdringung eines Wesens mit dem Zentralfeuer kann allmählich vor sich gehen oder explosiv, als Entwicklung oder als Krise . . die Lockerung und Schmeidigung eines Wesens kann erfolgen von den Sinnen her, von außen nach innen durch immer weiteres Eindringen einer umformenden Außenwelt, oder durch immer weiteres, sei es plötzliches, sei es allmähliches Vordringen des Zentralfeuers, von innen nach außen.

Beim jungen Goethe begegnen sich ein von außen hereinwirkender Bildungsprozeß durch die damalige Rokokowelt und ein von innen herauswirkender Lebensdrang titanischer, erotischer, religiöser Kräfte. Beide Prozesse stören und queren sich bei ihm nicht, vielmehr arbeiten sie sich wie nach einem festen Plan in die Hände, wie die Arbeiter von zwei Enden her einen Tunnel bohren und in der Mitte genau Zusammentreffen. Die Durchschlagsstelle ist bei Goethe erst Straßburg.

Von dem Prozeß der von innen nach außen wirkt wissen wir bis zur Straßburger Zeit wohl, aber wir sehen ihn nicht, denn er geht in einem verschlossenen Innern vor sich und ist noch nicht nach außen getreten: das Urerlebnis hat noch nicht seine eigene Sprache, d. h. dichterische Offenbarung gefunden. Den Prozeß dagegen der von außen nach innen wirkt können wir verfolgen: denn er wirkt ja von der Oberfläche her.

Zur Zeit seiner Frankfurter Liebschaft gab Goethen ein Gott zu sagen was er leidet, aber noch nicht zu leiden was seines Sagens allein bedurfte und würdig war. Schon besaß er einen eignen Lebensstoff, aber noch nicht die eigne Lebenskraft, ihn Goethisch zu gestalten. Wir haben auch Goethes Liebe erst dort zu fassen wo er fähig ist aus den fremden Formen der Galanterie die das Rokoko ihm bot herauszubrechen, und als eine neue Liebesdichtung das alte Liebesgeheimnis zu offenbaren. Solange bleibt uns das Frankfurter Gretchen nur der Stoff zu einem Idyll aus Dichtung und Wahrheit . . der Bericht über diese Liebe sagt ja uns immer nur wie der alte Goethe sie gesehen hat, nicht wie sie war, und in Goethes Wesen mag sie nur wirksam gewesen sein als ein lockerndes nicht als ein gestaltendes Ereignis.

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