2015-07-28

K.v.Müller-Unterhaltungen m. Goethe: 17. December. (104)



 17. December.

Ich traf Goethe bei der Lectüre der neuen Übersetzung von ›Tausend und Einer Nacht‹ von Habicht, v.Hagen und Schall, die er sehr lobte und, da sie aus dem Urtext, der französischen vorzieht.


»Diese Märchen,« sagte er, »müssen mir über die trüben Tage weghelfen; ist es doch, als ob das Bewußtsein, in wenig Tagen der Sonne wieder näher zukommen, uns schon jetzt erwärmte.«Ich brachte ihm von Gagern merkwürdige Handschriften. Er holte ähnliche herbei in großer Zahl. Eckermann (1) trat ein, das Gespräch kam auf Byron's Conversations. »Ich lese sie nun zum zweiten Male, ich möchte sie nicht missen und doch lassen sie einen peniblen Eindruck zurück. Wie viel Geklatsche oft nur um eine elende Kleinigkeit; welche Empfindlichkeit über jedes alberne Urtheil der Journalisten, welch' ein wüstes Leben mit Hunden, Affen, Pfauen, Pferden; alles ohne Folge und Zusammenhang.

Nur über Anschauungen urtheilt Byron vortrefflich und klar, Reflexion ist nicht seine Sache, seine Urtheile und Combinationen sind dann oft die eines Kindes.

Wie viel zu geduldig läßt er sich Plagiate vorwerfen, scharmutzirt nur zu seiner Vertheidigung, statt mit schwerem Geschütz die Gegner niederzudonnern.

Gehört nicht Alles, was die Vor- und Mitwelt geleistet, dem Dichter von Rechtswegen an? Warum soll er sich scheuen, Blumen zu nehmen, wo er sie findet? Nur durch Aneignung fremder Schätze entsteht ein Großes. Hab' ich nicht auch im Mephistopheles den Hiob und ein Shakespeare-Lied mir angeeignet? Byron war meist unbewußt ein großer Dichter, selten wurde er seiner selbst froh.«

Das Taschenbuch für Österreichische Geschichte von Hormayr mit Graf Sternbergs Bild führte das Gespräch auf Böhmen. »Dort war eine große Cultur im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert einheimisch, ehe man im übrigen Deutschland daran dachte. Prag mit seinen 40.000 Studenten, welch' eine Erscheinung! Aus allen Winkeln Deutschlands und aus der Schweiz waren Lehrer hingegangen, die jeder gleich seine Zuhörerschaar mitbrachte. Jedermann dürstete nach griechischer und lateinischer Kenntniß. Man räumte den Professoren die größten Rechte und Freiheiten ein; als man sie nun späterhin beschränken wollte, wurden sie wild und zogen aus. Damals wurde Leipzig durch solch eine ausgewanderte Schaar emporgehoben, der man das Paulinum einräumte. Ja, die Geschichte läßt ganz wundersame Phänomene hervortreten, je nachdem man sie aus einem bestimmten Kreispunkte betrachtet.

Und doch kann eigentlich Niemand aus der Geschichte etwas lernen, denn sie enthält ja nur eine Masse von Thorheiten und Schlechtigkeiten.«

Er war im schönsten Zuge, allgemeine Ansichten und Betrachtungen aus der innern Fülle seines Geistes hervorströmen zu lassen, und dabei höchst mild und treuherzig.

An einem Decemberabend 1824 sagte Goethe bezüglich auf Klinger: Alte Freunde muß man nicht wiedersehen, man versteht sich nicht mehr mit ihnen, jeder hat eine andere Sprache bekommen.

Wem es ernst ist um seine innere Kultur ist, hüte sich davor: denn der alsdann hervortretende Mißklang kann nur störend auf uns einwirken und man trübt sich das reine Bild des frühern Verhältnisses.

1. Eckermann notiert über diese Unterhaltung nichts.

Inhaltsverzeichnis der Gespräche                                                                                             weiter


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